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Praktikumsberichte

Schnupperpraktikum in Passail (03/2015)

Als der glückliche Gewinner des Schnupperpraktikums 2015 über Vetion.de durfte ich das schöne Wien für 1 Woche verlassen um ins noch schönere Almenland der Steiermark zu reisen, um dem Team der Tierärztlichen Praxisgemeinschaft in Passail bei der Arbeit über die Schultern zu schauen.

Die Praxis befindet sich in Passail und damit, 30km nördlich von Graz, inmitten des steirischen Almgebietes Teichalm/Sommeralm. Die ländliche Nutztierhaltung, besonders Rinderhaltung, hat hier also lange Geschichte und prägt traditionell das Landschaftsbild. Und wo immer es Tiere gibt, da gibt es natürlich auch Tierärzte. In diesem Fall hat sich das 9 köpfige Team der Tierärztliche Praxisgemeinschaft Passail (TPG) dieser Aufgabe verschrieben.

Bei meiner Ankunft lernte ich gleich Herrn Dr. Elmer kennen, der mich freundlich begrüßte und mich abholte. Für mich stand eine Wohnung bereit, die ich mir mit einem weiteren Praktikanten der FU Berlin für die Woche teilte. Ausgerüstet mit Stethoskop, Thermometer und Gummistiefeln konnte es also losgehen!

Der Tag startete stets um 7 Uhr morgens. Zu Beginn jedes Arbeitstages finden sich erst einmal alle Großtierpraktiker in der Praxis ein für eine Besprechung und Patienten-Einteilung. Da es im Praxisgebiet hauptsächlich kleinere Milchviehbestände gibt (Bestandstärken meist < 100 Rinder), will die Route stets gut geplant sein, sodass die Strecken nicht doppelt gefahren werden müssen. Das klappt unter den Kollegen sehr gut und schon morgens ist immer eine gute Stimmung aufgekommen, wenn Patienten besprochen und die Praktikanten eingeteilt wurden.

Los ging das Praktikum gleich mit den häufigsten Großtier-Patienten: Rindern. Die Reproduktionsmedizin des Rindes ist hier an erster Stelle zu nennen. Genauer heißt das künstliche Besamung, hormonelle Therapien und Trächtigkeitsuntersuchungen. Diese gehörten in meiner Praktikumswoche zu jedem Tagesgeschäft dazu.

Für die Besamung wird zusammen mit dem Landwirt vorab ein geeigneter Zuchtstier (also dessen Samen) ausgesucht und anschließend wird die Kuh besamt. Ein guter Kontakt zwischen Landwirt und Tierarzt ist hier sehr wichtig, da die Landwirte den Tierarzt genau im richtigen Zeitfenster vorbeikommen lassen wollen, um die Kuh idealerweise während der Ovulation besamen zu lassen. Oft wird die Besamung auch im Anschluss an eine Hormontherapie (PGF2-a, GnRH etc. - Physio lässt grüßen!) durchgeführt, was einen exakten Zeitplan vorschreibt.

Bereits hier konnte ich den Gesprächen zwischen Tierarzt  und Landwirt entnehmen, dass ein sehr ausgeglichenes Klima herrscht. Keinesfalls besteht der Eindruck vom unantastbaren studierten Akademiker, sondern es wird sehr offen miteinander geredet. Es muss auch nicht immer um die Gesundheit der Tiere gehen, es kann auch mal um lokale Veranstaltungen oder Politik diskutiert werden - eben alles was gerade aktuell ist. Fragen bezüglich Krankheitsbildern, Stallhygiene, veterinärrechtlichen Gesetzen etc. werden dabei aber nicht ausgelassen und immer anschaulich dem Landwirt (und mir in diesem Fall natürlich auch) erklärt. Generell ist man einfach mit den Patientenbesitzern in sehr engem Kontakt und die Arbeit des Tierarztes wird sehr geschätzt. Das ist mir gleich positiv aufgefallen. Oft wurde ich dann auch in das Gespräch miteinbezogen und hatte die ein oder andere interessante und/oder lustige Unterhaltung.

Ebenso häufig - aber nicht weniger interessant - waren die Kastration sowie Enthornung von Jungstieren vertreten. Hier wird die Narkose inklusive Lokalanästhesie vom Tierarzt durchgeführt, was eine sehr spannende Sache an sich ist. Die Reaktionen des zu narkotisierenden Tieres auf die Anästhetika müssen immer genau beobachtet werden, sodass das Tier richtig dosiert zum Liegen kommt und eine ausreichende Analgesie erhält.

Hier durfte ich auch einmal Hand anlegen und ein junges Rind mit kastrieren - eine tolle Erfahrung! Vor allem deswegen, weil ich bei diesem Eingriff mein bisher reines Theoriewissen direkt am Tier anwenden konnte. Da wird einem dann (endlich) bewusst, dass es sich gelohnt hat, die genaue Anatomie des Hodens mit all seinen Schichten zu lernen. Eine bedeckte Kastration soll ja schließlich nicht in der Bauchhöhle enden! >

Auch bei der Lokalanästhesie zur Enthornung lässt sich wunderbar das Wissen der topografischen Anatomie des Kopfes anwenden.

Ich finde das wirklich sehr motivierend, denn leider lernt man während des Studiums oft so immense Stoffmengen an theoretischem Wissen, ohne gleich einen praktischen Bezug zu haben.

Mit der Arbeit am Tier lässt sich meiner Meinung nach sehr vieles gut veranschaulichen, was mir enorm gefallen hat. Exemplarisch seien jetzt nur eben genannte Eingriffe genannt, natürlich waren es viele Gelegenheiten, in denen ich schlussendlich das Gefühl bekommen habe, dass ich auch komplexere Zusammenhänge in Krankheitsbildern aufgrund meines Vorwissens verknüpfen konnte.

Die nächste Gelegenheit zur praktischen Assistenz bot sich mir bei einer Warzenentfernung in einem Rinderbestand, in dem offenbar mehrere Tiere infiziert waren. Die Warzen wurden hier nach dem Abtrennen gesammelt, um sie für die Entwicklung eines bestandsspezifischen Impfstoffes einzuschicken. Hier zeigt sich übrigens wieder die enge Zusammenarbeit mit dem Landwirt - es wird viel erklärt über Krankheitsverlauf und Konsequenzen für Tier und Besitzer. Obwohl natürlich die Wirtschaftlichkeit nie außer Acht gelassen werden darf, muss auch immer eine Entscheidung zur bestmöglichen Behandlung des Tieres getroffen werden. In diesem Fall wurde also lieber zur präventiven Bestandsimpfung als zur rein symptomatischen Bekämpfung der Warzen geraten. Obwohl das erst einmal der teurere Weg für den Landwirt ist, ist das der weit sinnvollere; auf längere Sicht erspart man sich die Kosten für ständige Folgebehandlungen und die Rinder ersparen sich vermeidbare Komplikationen.  

Selbiges Bild spiegelte sich auch bei einem Trichophytie-Fall in einem anderen Bestand wieder: durch die richtige Beratung greift man doch lieber zur Impfung und erspart sich so Folgekosten durch Folgeerkrankungen oder gar schlechterer Milchleistung der Rinder.

In jedem Fall wird dann die Situation betrachtet und individuell abgewogen. Es muss immer ein Kompromiss zwischen Wirtschaftlichkeit und Wohlbefinden des Tieres getroffen werden. Das ist oft nicht sehr einfach, wie zum Beispiel der nächste besondere Fall zeigt: eine Steinfrucht (mumifizierter/kalzifizierter Fötus) beim Rind. Wird man hier eine Sectio durchführen und die Kuh auf längere Zeit trocken stehen lassen oder das Tier zur Schlachtung freigeben? Das Nutztier soll letztenendes ja auch einen Nutzen für den Menschen erfüllen, weshalb man immer individuell abwägen muss und oft vor schwierigen Entscheidungen steht. Diese und andere Situationen dieser Art werden dem Nutztierpraktiker öfter begegnen. Deshalb ist diese Fragestellung für die Nutztiermedizin von großer Bedeutung.

Von diesen besonders schwierigen Fällen abgesehen habe ich noch viele andere Sachen gesehen, über die ich jeweils gesondert einen ellenlangen Abschnitt schreiben könnte. Auf die Gefahr hin, sämtliche Leser mit einem nie enden zu wollenden Text abzuschrecken, werde ich aber nur kurz ein paar weitere Fälle nennen, um einen kleinen Einblick zu geben, wie abwechslungsreich diese Praktikumswoche für mich war:

  • Gelenkschwellung eines Jungrindes nach einer Verletzung
  • Kälbergrippe/Erkältung mehrerer Kälber simultan in einem Bestand
  •  Mastitis Verdacht und Abklärung durch Schalmtest und steriler Milchprobenentnahme
  •  Post partem festliegende Mutterkuh, Hypokalziämie durch Blutuntersuchung festgestellt 
  • BVDV Screening von Rindern
  • Handhabung mit Schottischen Hochland Rindern
  • Fleischbeschau kleinerer Hausschlachtungen
  • Drehschwindel und Erbrechen bei einer Sau mit Verdachtsdiagnose auf Endoparasitenbefall
  • Intramuskuläre Injektion bei Kälbern und Rindern die ich auch selbst durchführen durfte
  • Rektale Untersuchung beim Rind die mir gezeigt wurde

und noch vieles mehr!!

Vorbildlich beim Einsatz von Antibiotika

Einen separaten Abschnitt möchte ich hier noch dem Einsatz von Antibiotika widmen, der wie ich finde beispielhaft ist! Ich habe bisher in keiner Praxis einen so verantwortungsvollen Umgang mit antibiotischen Therapien miterlebt. Gemäß dem Motto Keine Antibiose ohne Diagnose werden Antibiotika ausschließlich nach ausreichender vorangegangener Abklärung verabreicht. Genau so soll es sein! Ein großes Lob an dieser Stelle für dieses Vorbild.

Ohne zu große Ausschweifungen möchte ich schließlich dem Praxisteam der Tierärztlichen Praxisgemeinschaft Passail danken für dieses wirklich sehr tolle und lehrreiche Praktikum. Selten sind 5 Tage so schnell vorbeigegangen wie in dieser Woche. Und das im positivsten Sinne; das angenehme Klima in der Praxis und bei den Landwirten hat mich sehr begeistert, ebenso wurde immer auf mich Acht genommen und angeboten praktische Dinge selbst durchzuführen. Und das hat mir besonders viel Spaß gemacht!

Dank geht natürlich auch an das Team von Vetion.de. Das Praktikum war sehr gut organisiert und der Kontakt sehr freundlich. Ich bin wirklich sehr dankbar, diese wertvolle Erfahrung gemacht haben zu dürfen und finde die Idee des Schnupperpraktikums einfach super, weil man vieles praktisch sehen und lernen kann, das einem im Studium erst mal nur aus Büchern bekannt ist.

Fazit

Ich kann diese Erfahrung jedem Veterinärmedizin Studenten wärmstens weiterempfehlen!!



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Praktikant:

Felix Gantenbein

aus 5. Semester

Praxis:


Tierärztliche Praxisgemeinschaft
Dr. Elmer - Dipl. Tzt. Wurm
Weizerstr. 132
8162 Passail 132

Pate: