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Praktikumsberichte

Schnupperpraktikum in Unna (12/2013)

Sonntag, 1. Dezember, Unna, Anreisetag.
Ich stehe nach einer dreistündigen Bahnreise von Gießen aus am Bahnhof in Unna und such noch einmal die Adresse heraus, wo es jetzt genau hingehen soll.
Hertingerstraße, Tierarztpraxis Odenkirchen, für Pferde und Kleintiere
. Von heute bis Freitag, den 6.12., habe ich durch Vets4Vieh.de die Gelegenheit bekommen, dort Erfahrungen im Bereich der Großtiere zu sammeln.

Auf dem Weg dorthin überleg ich mir, was mich wohl alles erwartet und was ich mir persönlich erhoffe.
Ein Einblick in den nicht ganz planbaren Alltag einer Person, die ich mal werden möchte, ein Tierarzt in einem richtigen Betrieb mit Routineuntersuchungen, Notfällen und auch der ein oder anderen Situation, in der man sich noch einmal hinter die Bücher setzten muss, um Ideen zu bekommen, woran es dem Tier fehlt.
Was sind wohl speziell die Unterschiede zu der Kleintierpraxis?
Dem Tier selber näher zu kommen und Erfahrung im Umgang zu sammeln, wenn das denn groß möglich ist in der einen Woche, steht natürlich auch oben auf der Liste meiner Hoffnungen.
Grob lässt sich sagen, dass ich nach Ansporn suche.
Praktische Erfahrungen und Momente, die ich, nach einem zu langem Tag vor den Büchern, mit Freuden aus dem Gedächtnis abrufen kann, um zu sagen, genau dafür lohnt es sich.

An der Praxis angekommen, treffe ich mich mit Dr. Odenkirchen. Ein großer, sympathischer Mann mit Ausstrahlung, der mir direkt die Wohnung über der Praxis zeigt. Eigenes Bad, Küche und Schlafzimmer. Mit einem Blick ins Studentenleben, habe ich die Woche wohntechnisch fast luxuriös verbracht. Er erklärt mir noch schnell alles Wichtige bündig zum nächsten Tag und verabschiedet sich mit besten Wünschen für den verbleibenden Abend. Der Schlaf lässt verständlicherweise, wegen erster Eindrücke und auch ein wenig Aufregung, auf sich warten.

Montagmorgen um 8 Uhr geht es los. Ich betrete die Praxis und lerne sofort das ganze Team kennen. Es besteht aus vier Tierärzten, einer Tierarzthelferin und einer Auszubildende, die allesamt unheimlich freundlich sind. Sie sind mir gegenüber sehr positiv eingestellt und interessiert daran, wie ich zu diesem Praktikum komme und ob ich Wünsche habe, was ich in dieser Woche alles sehen möchte. Das Klima ist sehr familiär und dieses Gefühl festigt sich in der gesamten Zeit, in der ich in der Praxis Odenkirchen sein darf.

Ich habe zu jeder Zeit alle Optionen offen, mit einem Tierarzt mit zu den Patienten zu fahren oder in der Praxis zu bleiben und dort bei Untersuchungen zu zugucken.
Ich bleibe in der Praxis, da heute das Herz eines Dackels geschallt werden soll. Zuerst stehen einige Routineuntersuchungen an, inklusiver einer Augekontrolle einer Katze, bei der ich selber erleben darf, wie schwer es manchmal ist, etwas wirklich Relevantes zu erkennen, um sicher eine Diagnose stellen zu können.
Beim Ultraschall des Dackelherzens wird sich zuerst orientiert, um zu wissen, wohin und in welchem Winkel der Schallkopf gehalten werden muss, damit ein Bild entsteht, indem man gut etwas erkennen kann. Es zeigt sich mir wie orientierungslos und scheinbar ahnungslos man selbst als Student ist, der so etwas gelernt und sogar in der Hand hatte, wenn solche Bilder sich einem zeigen und die Tierärztin mit ihren geschulten Augen einem selbst und dem Patientenbesitzer erstmal erklären muss, worum es sich gerade handelt.
Nach der faszinierenden Behandlung geht es in die Dienstbesprechung, die immer am ersten Montag des Monats abgehalten wird. Es werden aktuelle Behandlungen und eventuell auftretende Probleme, sowie Themen, wie die Homepage der Praxis, allgemein Praktikanten etc. besprochen. Außerdem wird in jeder Dienstbesprechung ein kleiner Vortrag gehalten über gelaufene große Tagungen oder Fortbildungen, neue Methoden und Erkenntnisse aus der Forschung oder wichtige Dinge, wie die bevorstehende Weihnachtsfeier. Die Routine, alle zu informieren über Kongresse oder Fortschritte, hat mich sehr beeindruckt.
Am Nachmittag sind einige Besitzer mit ihren Pferden zu Kontrollen in der Praxis selbst. Ich darf mir die Zahnbehandlung eines Pferdes mit anschauen. Das Tier wird leicht sediert und in einen Stand geführt, sodass es bei der Behandlung sicher steht.
Das Maul wird ausgespült und mit einem Maulspanner offen gehalten. Mit der Raspel werden nun die Kanten der Zähne wieder auf eine Ebene geschliffen, sodass diese keine Verletzungen in der Mundhöhle hervorrufen können oder beim kauen stören.

Den Dienstagmorgen bin ich mit Tierärztin Dr. Sandra Brünker zu Patienten gefahren. An einem Stall ist zusätzlich zum Impfen ein weiteres Problem zu lösen. Das Pferd ist auf einem Auge blind und der Augapfel selbst ist zurückgezogen. Das Auge hat sich vor kurzer Zeit entzündet und wurde schon behandelt, doch jetzt soll entschieden werden, ob das Auge raus operiert werden muss, wenn keine Besserung zu sehen ist. Diese ist jedoch stark eingetreten und es ist keine OP von Nöten. Des Weiteren besuchen wir den Abenteuerspielplatz in Dortmund. Eine Gemeinnützige Einrichtung mit vielen Ponys, die die Praxis Odenkirchen betreut. Ein Verbandswechsel wird durchgeführt und weiter geht es zu der Tierärztin Dr. Eva Trappe nach Hause, um in der Mittagspause Gelerntes aus einer Fortbildung mit dem Team aufzuarbeiten. Es wird an der trächtigen Stute von Dr. Trappe erprobt, wie das Geschlecht eines ungeborenen Fohlens mit Ultraschall herauszufinden ist. Dies muss von jedem Tierarzt der Praxis selber gemacht werden, damit jeder im Umgang mit der Methode Erfahrung sammelt, da die Geschlechtsbestimmung vor der Geburt bald angeboten werden soll. Nach einem guten gemeinsamen Mittagessen geht es weiter mit einigen Untersuchungen in der Praxis. Darunter wird ein Gelenk eines Pferdes punktiert und einige Lahmheitskontrollen bei jungen wie alten Pferden durchgeführt.

Der darauffolgende Tag beginnt mit einer für mich etwas heikleren Situation. Wir röntgen den Fuß eines Pferdes in einem extra dafür eingerichteten Raum mit speziellen Geräten und Schutzkleidung. Ich darf die Aufgabe übernehmen, die Röntgenplatte an das Pferd zu halten. Das Pferd bleibt dabei bei vollem Bewusstsein, ist aber etwas unruhig, was mich selber etwas aus der Ruhe bringt, da ich durch fehlende Erfahrung das Verhalten des Tieres nicht gut genug einschätzen kann, um mit vollem Selbstbewusstsein sehr nahe an die Vorderläufe des Tieres heran zu treten. Ich bekomme aber gute Tipps von den anwesenden Tierärzten, wie ich stehen und mich verhalten soll, damit vor allem auch mir nichts passiert. Die Aufnahme verläuft ohne Komplikationen, was mich einen großen Schritt weiter bringt, was das Vertrauen gerade zu unruhigen Tieren angeht.
Es folgen weitere Lahmheitskontrollen, bei denen ich feststelle, was für ein detailreiches anatomisches Wissen vorhanden sein muss, um diese durchführen zu können. Es werden Testläufe gemacht, um eine Lahmheit zu erkennen. Wird diese erkannt, werden Nerven des betroffenen Fußes Stück für Stück betäubt, um fest zu stellen, in welchem Bereich die Schmerzquelle ist. Ist die Kontrolle positiv, heißt das, dass der Schmerz aus dem Versorgungsgebiet des Nerven kommt, der gerade betäubt wurde. Es muss also genaues Wissen vorhanden sein, wo der Nerv verläuft und welche Knochen oder anfällige Stellen von diesem versorgt werden, um dann eine genaue Behandlung durchzuführen. Diese alltägliche, aber hoch interessante Untersuchung, war mein persönliches Highlight.
Am Nachmittag fahre ich mit Dr. Trappe zu verschiedenen Patienten zum Impfen von Pferden und eines Hundes. Dabei erlebe ich mit, das selbst der Tierarzt auch einmal nach dem Weg fragen muss und dass man nicht immer einer freundlichen Miene gegenübersteht, wenn die Besitzer die neue Tierärztin noch nicht kennen. Nach der Behandlung aber scheint Dr. Trappe von sich überzeugt zu haben, da wir sehr nett verabschiedet werden.

Am Donnerstag steht die OP eines Pferdes an. Es wird ein Stück des Griffelbeins entfernt, das sich gelöst hat. Das Pferd wird narkotisiert und mit einem Kran in den OP Saal gehoben. Liegt es auf dem Tisch, wird es an alle Geräte angeschlossen und während der OP durchgehend beatmet und kontrolliert, ob der Puls in einem guten Bereich bleibt. Die OP wird von Dr. Odenkirchen durchgeführt und verläuft ohne Probleme. Doch das Gefährlichste steht dem Tier noch bevor. Aufwachen muss es nämlich alleine in einem gepolsterten Raum, wo es jedoch auch zu Stürzen und Brüchen kommt kann, welche kaum bis gar nicht vermeidbar sind. Doch auch dies erfolgt ohne weitere Zwischenfälle.
Der nächste Patient blutet aus der Nase ohne offensichtlichen Grund, also wird eine Endoskopie durchgeführt. Es ist sehr interessant zu sehen wie Lunge und Luftsäcke in einem lebenden Tier von innen aussehen bzw. optimaler Weise auszusehen haben, da sich hier der Grund für das Bluten auch nicht findet. Den restlichen Tag fahre ich mit Dr. Odenkirchen zu verschiedenen Patienten. Bei einem Jungpferd eines Züchters werden mehrere Röntgenaugnahmen von Gelenken aller Gliedmaßen und dem Rücken gemacht, um es nach Standards beurteilen zu können. Es handelt sich um eine Art TÜV-Untersuchung.
In den kurzen Autofahrten zu den Besitzern gewährt mir Dr. Odenkirchen auch einen Blick hinter die Kulissen, das heißt nicht nur in das Leben eines Tierarztes, sondern auch in das Leben eines Selbständigen, eines Chefs, der dafür Sorgen muss, dass nicht nur wirtschaftlich alles gut läuft, sondern dass auch das Klima im Team stimmt und die Waage zwischen Spaß und Ernst des Beruflebens im Gleichgewicht bleibt.

Am letzten Tag meines Aufenthaltes sind viele Kontrollen von gelaufenen Behandlungen an der Tagesordnung. Ich habe die Aufgabe, den Tropf eines Pferdes zu überwachen, was sich etwas schwieriger gestaltet, da es hin und wieder versucht, den Schlauch anzuknabbern. Es kommt zu einem Zwischenfall. Ich war selber nicht vor Ort, aber durch Telefonate und Erzählung bekomme ich mit, was passiert. Ein Pferd muss eingeschläfert werden, kann aber durch seine aggressive Haltung nicht berührt werden bzw. man kommt gar nicht erst in die Nähe des Tieres. Es muss durch mehrere Anrufe ein Tierarzt organisiert werden, der die Erlaubnis und die Geräte besitzt, das Pferd mit einem Blasrohr zu betäuben, damit es euthanasiert werden kann. Nach einiger Zeit findet sich jemand. Der letzte Termin, zu dem ich mitfahre, ist eine Zahnbehandlung inkl. der Entfernung der Wolfszähne, bei der ich assistieren darf.

Persönliches Fazit:

Schaue ich auf das Praktikum zurück, kann ich nur sagen, dass es für mich ein voller Erfolg war. Ich habe unheimlich viel sehen und lernen können in der kurzen Zeit in der Pferdepraxis, was ich definitiv nicht so schnell vergessen werde. Ich habe erfahren, wie spannend der Alltag eines Praktikers sein kann und dass sich die Arbeit im Großtierbereich doch deutlich vom Kleintierbereich unterscheidet. Nicht nur, dass man mit ganz anderen Dimensionen von Patienten umgehen muss, sondern dass sich die Behandlung auch in der Art, was behandelt wird, stark differenziert. Vorteile einer Großtierpraxis sind ganz offensichtlich, dass dieser Bereich schwach besetzt ist und in Zukunft weiter an Personalmangel leiden wird. Es bestehen also gute Chancen, sich als Tierarzt im Großtierbereich finanziell absichern zu können. Doch oftmals ist bzw. darf die Entscheidung, welchen Bereich man als Berufsfeld wählt, nicht nur aus finanzieller Sicht getroffen werden, sondern muss einem jeweils auch liegen. Das Problem ist aber, dass die meisten Studenten nie großen Kontakt mit Großtieren als Patienten bekommen, wenn sie nicht selbst vor dem Studium schon in Kontakt waren, durch Familiebetriebe oder Reitsport. Deswegen werden die meisten Pflichtpraktika in dem Bereich der Kleintiere gewählt, da dieser im Grunde bei jedem bekannt ist.
Meiner Meinung nach wäre es also hilfreich, den Studenten früh genug die Möglichkeiten zu geben, wie durch dieses Praktikum, Erfahrung zu sammeln, damit die ein oder andere Wahl auf das Großtiergebiet fällt. Da ich nun einen Einblick bekommen habe, hat sich mein Horizont, was ich einmal nach meinem Studium machen möchte, vergrößert. Ich kann bis jetzt nur sagen, dass sich der Beruf des Tierarztes für Pferde schmackhaft gemacht hat, aber gleichzeitig hoffe ich auf weitere Praktika während meines Studiums, um alles einmal gesehen zu haben, um eine fundierte Entscheidung treffen zu können.
Ich möchte mich ganz herzlich bei dem gesamtem Team der Praxis Odenkirchen für diese Woche bedanken und zwar ganz besonders, aber nicht nur bei den Tierärzten, die mich die Woche mit zu Behandlungen mitgenommen haben, sondern auch bei Sabine Hachen, der Tierarzthelferin der Praxis, die mich auch sehr freundlich durch meine Woche begleitet hat. Ich habe mich zu jeder Zeit gut informiert, betreut und aufgehoben gefühlt, um mit einem Lächeln an Unna zurück zu denken.
Außerdem bedanke ich mich bei Vets4Vieh, die mir diese einmalige Chance ermöglicht haben und bei Frau Dr. Julia Henning als Ansprechpartnerin über diese Zeit hinweg.

Nico Urner

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Praktikant:

Nico Urner

JLU Gießen

Praxis:


Tierarztpraxis Stefan Odenkirchen
Hertingerstr. 135
59427 Unna
T: 02303-330140
www.tierarzt-odenkirchen.de

Pate:


Bundestierärztekammer e.V.
Französische Strasse 53
D-10117 Berlin
Telefon: 030 - 2014338-0

www.bundestieraerztekammer.de