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Praktikumsberichte

Schnupperpraktikum in Tostedt (10/2013)

Erwartungsvoll, aufgeregt, gespannt, verunsichert, interessiert, nervös, aber vor allem mit großer Vorfreude fuhr ich am Vorabend des 1. Praktikumstages von München aus in den hohen Norden, um das Schnupperpraktikum, für das ich mich während der Physikumszeit beworben hatte, in der Tierärztlichen Gemeinschaftspraxis Tostedt (Landkreis Harburg) in Niedersachsen aufzunehmen. Herr Dr. Ulrich erwartete mich bereits am Bahnhof und wir fuhren zu ihm nach Hause, wo ich die nächsten 5 Tage in ausgesprochen gastfreundlicher Atmosphäre wohnen durfte. Bei einem gemütlichen Beisammensein wurde ich von Herrn Dr. Ulrich, seiner Frau und deren Schwester (ebenfalls Tierärzte) sehr freundlich aufgenommen und mir wurde von vorneherein das „du“ angeboten, wodurch ich mich gleich sehr wohl fühlte.

Ich ging früh zu Bett, um am nächsten Tag wie auch in den darauffolgenden Tagen, um 6.15 Uhr zum Dienst anzutreten. Wir fuhren zur Praxis zu einer allmorgendlichen Dienstbesprechung und ich wurde sogleich mit Frau Dr. Reinhardt und der Assistentin Katharina Voigt bekannt gemacht. Auch hier wurde ich sehr freundlich aufgenommen.

Nachdem wir die Autoapotheke noch mit diversen Medikamenten, Utensilien u.ä. aufgefüllt hatten, ging es auch schon zum ersten Termin, der Impfung mehrerer Kälber (es war voller Körpereinsatz vonnöten) über eine Impfpistole, wo ich nach kurzer Einweisung auch sogleich selbst an den Start gehen durfte (O-Ton Dr. Ulrich: Es heißt ja schließlich Praktikum und nicht Theoretikum). Diese Aussage sollte beispielhaft für die gesamte Praktikumszeit sein.

Danach blieb Zeit für ein schnelles Frühstück, bevor bis ca. 12.00 Uhr mittags weitere Termine anstanden, darunter Impfung von Pferden und Untersuchung eines Esels, der wegen einer deutlichen Schwellung am Schlauch vorgestellt wurde, aber wenig kooperativ war, sodass auch eine Sedierung nicht möglich war. Letzterer Patient sollte uns die ganze Woche beschäftigen. Zunächst wurde den Besitzern aber ein Sedativum zur oralen Gabe abgegeben mit der Ankündigung, dieses etwa eine Stunde vor unserer Ankunft am folgenden Tag zu verabreichen.

Nach der Mittagspause ging es wieder in die Praxis zur Planung der Nachmittagstermine, darunter auch künstliche Besamungen und ich durfte selbst unter Anleitung mein Glück beim Rektalisieren einer Kuh versuchen.

Am nächsten Tag stand u.a. die Kastration zweier recht lümmelhafter Hengste an und hier zeigte sich Dr. Ulrichs Geschick im Umgang mit Pferden, da einer der beiden recht tierarztscheu war. Bei der Kastration war auch Frau Dr. Reinhardt dabei, so konnte die Narkose gut überwacht und die Eingriffszeit kurz gehalten werden. Besonders gefallen hat mir, dass vor, während und nach dem Eingriff dezidiert die Vorgehensweise besprochen wurde und mir Herr Dr. Ulrich genau erklärte, welche Medikamente zu welchem Zweck verabreicht werden.

Am Nachmittag stand neben dem Esel des Vortages, bei dem das Medikament zur Sedierung keinerlei Wirkung zeigte und die Untersuchung mit der Anweisung einer Dosiserhöhung auf den nächsten Tag verschoben wurde, u.a. auch eine Kuh mit einer Zyste am Ovar an. Auch hier wurde mir ein breites theoretisches, aber auch praktisches Wissen vermittelt.

Am folgenden Tag ereignete sich mein persönliches Highlight: Ein endoskopischer Eingriff bei einer Kuh mit Labmagenverlagerung! Vor und während des Eingriffes wurde ich mit Hintergrundwissen gefüttert und Herr Dr. Ulrich hat mir dankenswerter Weise auch Unterlagen zur Labmagenverlagerung des Rindes mit den verschiedenen Möglichkeiten eines Eingriffes überlassen. Außerdem durfte ich während der einzelnen OP-Schritte immer wieder selbst durch das Endoskop blicken. Faszinierend war, wie deutlich man den metallischen Klang des aufgegasten Labmagens wahrnehmen konnte und wie minimal-invasiv der entsprechende Eingriff doch ist.

In die nächsten Tage fielen mehrere, zumeist eher Routinebesuche an, darunter Impfungen und künstliche Besamungen, bei denen ich mich im Rektalisieren üben durfte; weiterhin Venenpunktionen zur Medikamentenapplikation u.ä., was ich nach anfänglicher Demonstration und Erklärung schon bald selber machen durfte. Eingebrannt hat sich auch die Erfahrung, die Reste einer 10 Tage alten Nachgeburt bei einer Kuh mit Nachgeburtsverhalten abzulösen. Der Geruch des ganzen war buchstäblich atemberaubend. Zum Schluss durfte ich noch Tetracyclinstäbe intrauterin platzieren.

Am letzten Tag untersuchten wir zu einer Kuh, die 6 Wochen zu früh verkalbte. Nachdem Dr. Ulrich durch eine Vaginaluntersuchung die Lage erfasst hatte, durfte ich selbst dem Kalb die Beine in die zur Geburt notwendige Stellung verlagern und die Nachgeburt ablösen, nachdem auch das 2. Kalb auf die Welt gebracht war. Leider waren beide Kälber tot.

Fazit
Während des Praktikums konnte ich vielfältige Eindrücke im Bereich der Großtierpraxis sammeln. Mir wurde während dieser Tage viel theoretisches, aber auch praktisches Wissen vermittelt und man konnte offen über alle Themen sprechen. Außerdem wurde ich sehr gastfreundlich aufgenommen und fühlte mich die ganze Zeit über gut aufgehoben. Ich selbst hatte mir erhofft, einen Anstoß zu bekommen, um in Zukunft eine genauere Vorstellung zu haben, in welche Richtung es nach dem Studium gehen sollte.

Das Schöne in der Großtierpraxis, v.a. im Bereich Nutztiere, ist der persönliche Umgang zwischen Landwirten und Tierarzt. Da heißt es nicht Herr Doktor, könnten Sie mal…?, sondern es wird geduzt, man kennt sich und weiß, was der andere erwartet und es läuft alles auf einer sehr familiären Ebene ab. Nicht selten wurden wir schnell mal zu einem Kaffee eingeladen, um sich ein bisschen auszutauschen.

Zum anderen ist mir positiv aufgefallen, dass man als Nutztier-Tierarzt im Grunde fast alle Möglichkeiten im Bereich der Behandlung hat. Selten wurde nach anfallenden Kosten gefragt oder gar gemäkelt, da der Aufwand für die Behandlung stets am Wert des Tieres und entsprechend an der Wirtschaftlichkeit gemessen wurde. Natürlich ist es nicht durchwegs positiv zu bewerten, dass es primär nur um die Wirtschaftlichkeit geht, doch ermöglicht es dem Tierarzt auch, evtl. kostspieligere Behandlungsmethoden in Betracht zu ziehen.

In der Zeit des Studiums sagt man oft, später gehe es einem nicht zu allererst darum, möglichst viel Geld zu verdienen, sondern wichtig sei v.a, einen erfüllenden, den eigenen Idealen entsprechenden Beruf zu haben, -(was sicherlich auf jeden Fall wünschenswert ist)- doch man muss das Ganze ja auch realistisch sehen und nach einem 11 Semester dauernden Studium sollte ein fairer Lohn im Grunde selbstverständlich sein. Auch diesbezüglich konnte ich in der Praktikumszeit von offenen Gesprächen profitieren und es ist auf jeden Fall positiv zu bewerten, dass man von dem, was man in der Nutztierpraxis verdient, in der Regel gut leben kann.

Natürlich ist es oft schwierig, zukünftig vermehrt Studierende in Richtung Groß- bzw. Nutztierpraxis zu dirigieren, aber ich kann jedem nur empfehlen, sich auch diesen Bereich ernsthaft anzusehen, da er eben deutlich mehr beinhaltet als nur Kühe rektalisieren. Da ich mir selbst im Rahmen einer Famulatur bereits den Kleintierbereich angeschaut hatte, kann ich nach diesem Praktikum definitiv sagen, dass die Großtierpraxis eine erstrebenswerte Option darstellt, sodass ich zukünftige Wahlpflichveranstaltungen und kurative Praktika vermehrt in diesen Sektor verlegen werde. Sicherlich ist es schwer, im 5. Semester eine konkrete und definierte Aussage zu machen, wo es einen später hinverschlagen wird, aber eine Anfang in Richtung Großtierpraxis ist auf jeden Fall gemacht.

Ich danke abschließend also der Initiative Vets4vieh und der Boehringer Ingelheim Vetmedica GmbH, die die Patenschaft meines Schnupperpraktikums übernommen hat, für die Möglichkeit, an diesem Praktikum teilzunehmen und für das tolle Schnupperpaket. Besonderer Dank gilt natürlich auch dem Team der Tierärztlichen Gemeinschaftspraxis Tostedt für die gastfreundliche und familiäre Atmosphäre und die lehrreiche und interessante (aber leider viel zu kurze) Zeit.

Andreas Öhm

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Praktikant:

Andreas Öhm

LMU München

Praxis:


Tierärztliche Gemeinschaftspraxis Tostedt
Dr. Stefanie Reinhardt & Dr. Bernhard Ulrich
Im Stocken 8a
21255 Tostedt
T: 04182-1241
www.tierarzt-tostedt.de

Pate:


Boehringer Ingelheim Vetmedica GmbH
Binger Str. 173
D-55216 Ingelheim am Rhein
Telefon: 06132 77 0

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