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Die Notdienstkrise verschärft sich weiter

08.11.2021

Was sind die Ursachen, wo liegen die Lösungen?

Im Rahmen des diesjährigen bpt-Kongress 2021, der ausschließlich digital stattfand, stand erneut die sich zuspitzende Notdienstproblematik im Fokus der Abschlussveranstaltung am 3. November 2021. Bereits im Frühjahr 2018 war dies das Thema der berufspolitischen Diskussion auf der bpt Intensivfortbildung in Bielefeld. Aber da sich die Notdienstsituation seitdem noch einmal deutlich verschlechtert hat, wurden auch Ende 2021 wieder Diskussionen über das Warum und Lösungen für drohende Versorgungsengpässe gesucht.

Die Abschlussrunde wurde von bpt Geschäftsführer Heiko Färber moderiert, der Dr. Andreas Bulgrin von der Tierärztekammer Nordrhein, Dr. Anette Gürtler vom Notdienstring Stadt und Land Regensburg, Dr. Bodo Kröll aus Thüringen als bpt-Präsidiumsmitglied, Mag. Eva Matthes von AniCura Haslbach, RA Gabriele Moog vom bpt und Kim Usko vom bvvd zum Online-Talk eingeladen hatte.

Alles steht und fällt mit der überall bestehenden Personalnot und der flächendeckend geringen Bereitschaft der Tierärztinnen und Tierärzte, Not- und Nachtdienste durchzuführen. Dies ging auch solange einigermaßen gut, wie die Tierkliniken mit ihrem 24/7-Service bereit waren, dies aufzufangen. Inzwischen ist aber auch hier die Personalproblematik angekommen, weshalb immer mehr Kliniken ihren Klinikstatus zurückgeben. Daher müssen Tierhalter aller Art in manchen Regionen häufig viele Kilometer bis zur nächsten Tierarztpraxis fahren, was den ein oder anderen Patienten schon mal das Leben kosten kann. Denn hier kommt hinzu, dass längst nicht jede Praxis, die sich zu einem Nacht- oder Notdienst bereit erklärt, auch jeden Notfall behandeln kann. Nicht jede Tierarztpraxis kann schwierige Operationen vornehmen und schon gar nicht im personell sehr dünn besetzten Notdienst.

Aber woher kommt nun die geringe Bereitschaft der Tierärztinnen und Tierärzte, Nacht- und Notdienste anzubieten, obwohl doch in nahezu jedem Heilberufegesetz der Bundesländer steht, eine entsprechende Versorgung der Patienten sei sicher zu stellen?

Liegt dies ausschließlich an der meist immer noch nicht angemessenen Bezahlung, in dem Fall der angestellten TierärztInnen? Immerhin kann die Praxis doch inzwischen gut an der Behandlung von Notfällen verdienen. Bis zum 4-fachen Satz darf abgerechnet werden, hinzu kommt die Notdienstpauschale von 50 Euro, die inzwischen zulässig ist.

Laut Diskussion ist es vor allem die hohe Arbeitsbelastung, die die Bereitschaft für Notdienste bremst. Hinzu kommen Stress und seelische Belastungen, ebenso wie die Sorge vor dem Alleinsein in der Praxis aufgrund von aggressiven TierhalterInnen. Zudem fehlt das Personal dann in der Tagschicht, da diese Ressource stark limitiert ist.

Die Tierärztekammer Thüringen versucht das Problem gemeinsam mit der Politik anzugehen, indem eine Notdienstvermittlungsplattform geschaffen und bei den KollegInnen viel Überzeugungsarbeit geleistet wurde. Dadurch zeichnet sich dort eine leichte Verbesserung der Situation ab.

Im Kreis Regensburg wird versucht, einen Notdienstring zu installieren. Dies gestaltet sich allerdings schwieriger, da viele Praxen nicht gewillt sind, sich hieran zu beteiligen. Andere Kliniken setzen auf eine Triage der „Notfallpatienten“, um echte Notfälle von weniger schlimmen Fällen zu trennen und die diensthabenden KollegInnen zu entlasten.

Weiterhin werden Notdienstabgaben von Praxen, die sich nicht an Notdiensten beteiligen, diskutiert, um mit den Einnahmen angebotene Notdienste finanzieren zu können.

Interessant ist auch das Modell aus UK, wo sich sogenannte “Out-Of-Hours-Clinics” oder Nachtkliniken etabliert haben. Der Anbieter Vets Now mietet dafür an verschiedenen Standorten die Räumlichkeiten von Tageskliniken/-Praxen und deren technische Infrastruktur sowie das Equipment an. Im Nachtdienst arbeitet das Team dann dort auf eigene Rechnung. Morgens übernimmt wieder das originäre Praxisteam. So werden die Ressourcen optimal genutzt, ohne gegenseitig in Konkurrenz zu treten. Die NachttierärztInnen werden jedoch meist besser bezahlt als ihre Kolleginnen von der Tagschicht. Zudem arbeiten sie durchschnittlich nur 3 Nächte die Woche.

Klingt doch eigentlich nach einem interessanten Modell, vor allem für die nachts inzwischen vielfach verwaisten Tierkliniken. Allerdings steht in Deutschland auch hier wieder das Arbeitszeitgesetz einer einfachen Umsetzung entgegen, da bei uns nur max. 10 Stunden am Stück gearbeitet werden darf. In UK sind es 12 Stunden. Zudem sind in Deutschland noch verschiedene gesetzliche Fragen und auch Haftungsfragen zu klären.

Ob diese oder eine andere Lösung – gefunden werden müssen sie, vor allem den Tieren zum Wohle. Zudem leidet das Image des Berufsstandes unter sich häufenden Berichten einer nicht mehr gewährleisteten Versorgung der Tiere durch Tierärzte außerhalb der Sprechzeiten. Es drängt sich rasch die Frage auf, ob den TierärztInnen das Wohl der Patienten nicht mehr am Herzen liegt oder ob die Praxis es nicht nötig habe, auch mal nachts- und am Wochenende für ihre Patienten da zu sein. Dies ist ein Image, was dem Berufsstand zum einen nicht gerecht wird, zum anderen aber auch schadet, indem es das Verhältnis zwischen Tierhalter und Tierarzt nicht fördert und somit wiederum die Freude an diesem Beruf schmälert.

Mehr Informationen über die Situation im Jahr 2018 finden Sie hier