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ChatGPT in der Tierarztpraxis oder: Warum ich aufgehört habe, jede Nachsorge-E-Mail neu zu erfinden

30.04.2026

Herzlich willkommen!

In dieser monatlichen Kolumne gehen wir gemeinsamen mit Dr. Björn Becker und Magnus Kirschstein von Petleo mit klaren Worten, unbequemen Fragen und konkreten Lösungsansätzen für einen gesünderen Praxisalltag auf die Fragen ein, wie Prozesse, Organisation und Kommunikation neu gedacht werden können und müssen und welche Lösungen verfügbar sind. Seien Sie gespannt auf das, was alles schon geht!


ChatGPT in der Tierarztpraxis oder: Warum ich aufgehört habe, jede Nachsorge-E-Mail neu zu erfinden

Ich war früh dabei – noch bevor der große Hype losging und ChatGPT plötzlich in jeder Talkshow auftauchte. Was ich hiermit offiziell als Kompliment an mich selbst verstehe 😉.

Hab’s ausprobiert, fand’s interessant und hab’s dann erstmal wieder beiseitegelegt. Nicht weil es schlecht war, sondern weil mir der konkrete Nutzen für den Praxisalltag fehlte. Und was keinen direkten Nutzen hat, überlebt zwischen Sprechstunde und OP-Vorbereitung eben nicht lange.

Doch dann kam ein langer Dienstag…

Dritte Nachsorge-Nachricht an eine Hundemama nach Pyometra-OP. Drittes Mal, dass ich die gleichen Sätze tippte, nur leicht umformuliert, weil sich Copy-Paste irgendwie faul anfühlte. In diesem Moment dachte ich: Da muss doch anders gehen, effizienter.

Und siehe da, es ging besser – und zwar deutlich. Ich durfte nur nicht mehr das Tool bitten, etwas zu tun, was es nicht kann, sondern musste mich seiner für die Dinge im Praxisalltag bedienen, die es kann: ChatGPT ist eben kein Tiermediziner, dafür aber ein sehr fleißiger und gefälliger Texter.

Genau das ist der Knackpunkt. Wer erwartet, dass ChatGPT medizinisch denkt, wird enttäuscht. Wer es als Formulierungsassistenten einsetzt, wird überrascht.

Der Unterschied liegt im Prompt

Ein schlechter Prompt (Handlungsaufforderung für KI-Sprachmodelle, Anm. d. Red.) klingt so: „Schreib was zu Durchfall beim Hund.“ Das Ergebnis liest sich wie ein Wikipedia-Artikel, den niemand braucht und auch nicht lesen möchte.

Ein guter Prompt hingegen klingt beispielsweise so:

„Formuliere eine kurze, verständliche Nachricht an eine Hundehalterin nach Pyometra-OP. Die Hündin ist noch etwas schlapp, die Besitzerin ist verunsichert. Ton ruhig, keine Fachbegriffe, maximal 150 Wörter.“

Zwar ist auch das, was dabei herauskommt, selten druckreif, aber es ist in aller Regel ein guter Entwurf – und zwar nach wenigen Sekunden. Und dieser Entwurf lässt sich dann in kurzer Zeit überarbeiten, denn Überarbeiten ist zehnmal schneller als bei null anfangen.

Überschlägt man nur mal kurz, wie viele Emails dieser und ähnlicher Art zum täglichen Praxisalltag gehören, summiert sich eine Menge Arbeitszeit; aber auch die Zeit, die man dank des Formulierungsassistenten einspart. Danke dafür!

ChatGPT kann auch Checklisten

Wir alle haben diese Liste im Kopf. Die, die mal jemand aufschreiben sollte. Für die Aufnahme eines Hundes mit akutem Abdomen, den Standardablauf bei Kastrationen, die To-dos vor und nach einer OP oder die einzelnen Schritte, die nach der Diagnose einer anzeigepflichtigen Erkrankung erfolgen müssen. Die Liste ist beliebig erweiterbar.

Irgendwann hab ich gedacht: Ok, jetzt probiere ich das mal aus – und zwar mit ChatGPT. Mein Prompt lautete: „Erstelle eine strukturierte Checkliste für die Aufnahme eines Hundes mit akutem Durchfall. Mit Anamnese, Diagnostik, Erstmaßnahmen.“

Zwei Minuten später hatte ich ein Gerüst, das ich in weiteren acht Minuten praxistauglich gemacht habe. Diese Checkliste existiert jetzt tatsächlich in meiner Praxis und wird auch verwendet – und sie hat mir ein Lob meiner Mitarbeiter eingebracht. Aber auch ich freu‘ mich über „fertig“, anstatt über Jahre „fast fertig“.

ChatGPT unterstützt beim Marketing

Marketing –  ein Thema, bei dem alle innerlich die Augen verdrehen.
Ich versteh‘ das. Nicht, weil ich selbst keinen Plan hätte – aber ich weiß aus vielen Gesprächen mit Praxisinhabenden: Nach einem 10-Stunden-Tag mit drei Notfällen, zwei schwierigen Gesprächen und einer Katze, die sich mit allen Krallen gegen die Eingabe einer Tablette gewehrt hat, ist „jetzt noch schnell den Instagram-Post schreiben“ ungefähr so realistisch wie ein freier Parkplatz am Montagmorgen vor dem Gebäude der Stadtverwaltung – zumindest hier bei uns in Bad Bentheim.

Aber auch hier hilft ChatGPT erstaunlich gut. Ein kurzer Prompt, zwei Minuten, und es gibt einen soliden Entwurf für den Zeckenschutz-Post, den Praxis-Newsletter oder den Text, der seit Wochen auf der To-do-Liste steht. Drüberlesen, zwei Sätze anpassen, fertig. Nicht perfekt – aber draußen. Und „regelmäßig draußen“ schlägt „perfekt-aber-nie“ fast immer –  zumal „perfekt“ ja auch immer ein wenig Ansichtssache ist.

Es gibt aber auch Dinge, die man nicht tun sollte…

…Inhalte blind und unreflektiert übernehmen, zum Beispiel. ChatGPT schreibt überzeugend, auch wenn’s medizinisch „daneben“ ist. Daher ist Gegenlesen ein unbedingtes Muss. Und zwar IMMER! Und mindestens ebenso wichtig: keine echten Patientendaten verwenden. Aus „Labrador Bruno von Familie Schröder“ wird einfach „ein fünfjähriger Rüde post-OP“. Reicht völlig. Alles andere ist ein grober Verstoß gegen den Datenschutz!

Und jetzt kommst Du

Such Dir einen Bereich. Kommunikation mit Tierhaltenden, interne Abläufe, oder dieser eine Post, der seit Wochen nicht geschrieben wurde. Teste einen Prompt. Schau, was rauskommt.Mach einen neuen Chat auf. Prompte das gleiche Ziel, aber eben anders. Vergleiche die Ergebnisse. So lernst Du effektives und zielführendes prompten.

Und achte nebenbei auf die Zeit, die Du für ein gutes Ergebnis inkl. Überarbeitung benötigst und mach Dir bewusst, wie viel Zeit Du jetzt schon gespart hast – denn es wird noch mehr mit ein wenig Übung!

Also, worauf wartest Du noch? Mein Tipp: Ins Machen kommen. Mein Startschuss war die dritte Nachsorge-Nachricht an eine Hundemama nach Pyometra-OP an einem langen Dienstag.

Für Dich ist es möglicherweise die Lektüre meiner Kolumne .


Dr. Björn Becker  

Tierarzt, Unternehmer und Brückenbauer zwischen Praxis und Zukunft – ich bringe Digitalisierung, KI und Telemedizin dahin, wo sie wirklich wirken: in den Alltag und die Köpfe von Tierärzt:innen.
Mein Antrieb: bessere Medizin, bessere Arbeitsbedingungen und eine Branche, die endlich mutig nach vorne denkt.

Bild mit KI erstellt


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