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Praktikumsberichte

Schnupperpraktikum in Nordenham (09/2017)

Als einer der letzten Schnupperpraktikanten trat ich nach langer Zeit der Vorfreude meine Stelle in der Tierärztlichen Gemeinschaftspraxis in Atens in Nordenham an. Meine Erfahrung im Großtierbereich beschränkte sich davor auf das Landwirtschaftliche Praktikum im Lehr- und Versuchsgut Oberholz sowie die wenigen Stunden, die wir den Tierärzten in unseren Tierkliniken zu Leipzig in der sogenannten „kleinen Klinikrotation“ über die Schultern schauen durften. Daher freute ich mich riesig über das Schnupperpraktikum und war bereits sehr gespannt. Die Kommunikation im Vorfeld mit den Inhabern und Mitarbeitern der Praxis war entspannt und unkompliziert.

Sonntagabends vor Beginn des Praktikums fuhr ich nach Nordenham, wo mir freundlicherweise eine kleine Ferienwohnung zur Verfügung gestellt wurde. Die zuvorkommende Gastgeberin brachte mich am nächsten Morgen sogar mit dem Auto zur Praxis und lieh mir für den Rest der Woche ein Fahrrad, sodass ich unabhängig von der Praxis in den Süden Nordenhams gelangen konnte.

Überpünktlich, wie ich es mir für den ersten Arbeitstag vorgenommen hatte zu sein, durfte ich gleich der allmorgendlichen Besprechung beiwohnen. Für den ersten Vormittag nahm mich einer der Praxisteilhaber, Dr. Meyer mit, damit er mich besser kennen lernen konnte. Zunächst zeigte er mir noch kurz die Praxis.

Unsere erste Patientin war eine Kuh, welche sich aufgrund des diesjährig besonders feuchten Sommers Lungenwürmer eingefangen hatte und mit einer fortgeschrittenen Lungenentzündung festlag.

Des Weiteren behandelten wir ein Kalb mit Durchfall und eine Kuh mit Abszess an der Hinterhand. Wie fast täglich standen auch Trächtigkeitsuntersuchungen (TUs) auf dem Plan. Es hat mich gefreut, endlich mal mein Fingerspitzengefühl auf die Probe zu stellen, zumal sich meine einzige Erfahrung in dieser Angelegenheit an eine Anatomie Situs-Übung am toten Rind beschränkte. Und egal wem man erzählt, was man studiert, das Gegenüber bringt immer die Rektalisierung zur Sprache. Allerdings kam ich an meinem ersten Tag über die allseits bekannte erste Rektalisierungserfahrung „warm, feucht, dunkel“ nicht wirklich hinaus. Ich kann aber auch bestätigen, dass es mit der Zeit und sogar schon im Laufe des Praktikums besser wird.

Da ich bei unterschiedlichen Tierärzten mitfuhr, schnupperte ich auch noch etwas Luft in der Pferdepraxis bei einer anderen Tierärztin der Praxis. Unsere erste Patientin war eine ruhige, alte Ponystute mit einem Wurzelabszess, aus dem sich eine Fistel bis zum Durchbruch am Unterkiefer gebildet hatte. Ich durfte, wie von der Tierärztin gezeigt, auch hier Hand anlegen und nicht nur mit in die Mundhöhle schauen und die Kuhle im Zahnfleisch fühlen, sondern auch unter Anweisung die anstehende Impfung verabreichen.

Allgemein fiel uns in den folgenden Tagen auf, dass viele Tiere schleimig-glänzenden Nasenausfluss hatten und aufgrund des feuchtkalten Klimas im Norden eine kleine Erkältungswelle durch die Ställe zu gehen schien, auf die wir die Bauern hinwiesen. Die Tierärzte waren stets bemüht, mich so viel wie möglich unter ihrer Aufsicht machen zu lassen und mir alles zu erklären. In den Folgetagen war ich bei einer jungen Tierärztin. Auch sie behandelte Pferde, die aufgrund von langanhaltendem Husten und Lahmheit in Behandlung waren. Außerdem hatten wir mehrere kreislaufschwache Kühe, unter anderem wegen Coli-Euterentzündungen und stumpfen Traumata. Wir haben diese infundiert und zur weiteren Nachbehandlung vorgemerkt, sowie medikamentös behandelt. Ein Highlight war ein aufgegastes Kalb, welches alle Anzeichen einer schaumigen Gärung zeigte. Die Tierärztin verpasste dem kleinen Bullen einen Trokar, durch den das Gas und der Schaum austreten sollten. Verwunderlich war, dass das Tier trotz des immensen Pansenvolumens putzmunter, lebhaft und am fressen gewesen ist.

In meinen Praktikumszeitraum fiel das Sturmtief „Sebastian“, das insbesondere so nah an der Küste mit bis zu 140 km/h gut spürbar war. Somit erlebte ich auch am eigenen Leib, dass man nicht nur an warmen Sommertagen, sondern auch bei Unwetter stets unterwegs ist, um seine Patienten zu sehen. Gleich zu Beginn wurde uns eine Kuh vorgestellt, welche stark kolikte und vor Schmerz stöhnte. Außerdem mussten wir ein junges Kalb, welches aufgrund von Sauerstoffmangel um den Geburtszeitraum zentralnervöse Schäden aufwies und nicht lebensfähig war, einschläfern. Es standen natürlich auch wieder Trächtigkeitsuntersuchungen, sowie Enthornungen und Nachbehandlungen an.
Nachdem mir vom Tierarzt gezeigt wurde, wie, durfte ich zum ersten Mal einer durchfallkranken Kuh einen Bolus eingeben. Auf dem gleichen Hof hatten wir noch zwei Kälber, sowie ein Pferd mit einer eitrigen Wunde in Behandlung. Bei einem Bauern auf der östlichen Weserseite sah ich neben zwei Kühen mit Klauenproblemen, welche wir fachgerecht behandelten, auch eine Kuh mit Torsio uteri, bei der ich auch vorsichtig die leider bereits verstorbene Frucht ertasten konnte.

Der Freitagnachmittag war dann das Beste an meinem ganzen Praktikum. Ich durfte mit einem der Praxisgründer zu einer fünffachen Hengstkastration. Auf freiem Feld sedierten wir die Tiere erst und narkotisierten sie für die Behandlung, alle nacheinander versteht sich. Danach lernte ich, wie man die Beine am besten zusammenband, um eine Operation ohne Gefahr, von schlagenden Beinen getroffen zu werden, durchführen zu können. Dann führte mich der Veteran durch die einzelnen Schritte und erklärte dabei, was er tat. Ich half dann zunächst unter Aufsicht die Spritzen zu geben und später beim Zusammenschnüren der Beine. Außerdem durfte ich später, wie gelernt, mit der Klemme den Samenstrang abzudrücken und anschließend abschneiden. Beim letzten Tier hatte ich dann das gesamte Verfahren drauf. Somit tauschten mein Lehrer und ich kurz die Rollen und er achtete genauestens darauf, dass ich alles richtig machte. Mit diesem krönenden Abschluss ging dann eine super spannende Woche, in der ich viel gelernt habe, zu Ende. Für mich war es ein fast wehmütiger Abschied, da ich von allen sehr herzlich aufgenommen wurde und mich sehr wohl gefühlt habe.

Fazit

Bereits in den eingangs erwähnten Rotationsstunden in den Tierkliniken unseres Campus zeichnete sich bei mir ein Interesse für den Großtierbereich ab, welche das Praktikum bestärkte. Ich kann nur jedem empfehlen, dieser Fachrichtung eine Chance zu geben, denn sie vereint zum einen eine handwerkliche Komponente, sowie den manchmal kniffligen Umgang mit den Großtieren und zum anderen die fachliche, die wir uns über die Jahre des Studiums aneignen und diese dem Bauern vermitteln müssen. Außerdem denke ich, dass gerade jemand, der wie ich Wert darauflegt, seinen Berufsalltag nicht auf seinem Hintern an einem Schreibtisch sitzend zu verbringen, in diesem Berufszweig definitiv auf seine Kosten kommen wird. Daher kann ich nur empfehlen, sich bei einem Großtierpraktiker oder einer Klinik zu bewerben und die Tiere, den Umgang mit den Bauern und auch den Arbeitsalltag (nicht nur den Unicampus) kennen zu lernen. Das Schnupperpraktikum ist dafür eine perfekte Gelegenheit. Zum Schluss bleibt mir nur, Danke zu sagen bei den Tierärztinnen und Tierärzten der Praxis, die mir einen wunderbaren Einblick in die aufregende Welt der Großtierpraxis gegeben haben. Natürlich bedanke ich mir auch bei den Organisatoren des Praktikums und bei den Sponsoren und bei allen Beteiligten für die Chance, den Beruf näher kennenzulernen.



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Praktikant:

Lennart Schück

Uni Leipzig

Praxis:


Tierärztliche Gemeinschaftspraxis in Atens
Atenser Allee 136
26954 Nordenham
T: 04731-23332/23333
www.nordenham-tierarzt.de

Pate:


Deutsche Veterinärmedizinische Gesellschaft (DVG)
Friedrichstraße 17
35392 Gießen
Telefon: 0641 24466

www.dvg.de