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Praktikumsberichte

Schnupperpraktikum in Lebring (03/2017)

Ich habe mich wahnsinnig gefreut, als ich im vorweihnachtlichen Prüfungsstress die Email erhielt, dass ich ein Schnupperpraktikum in der Groß- und Nutztierpraxis gewonnen hatte. Dank gewisser Internetsuchmaschinen war es auch kein Problem herauszufinden, wo das Örtchen Jöss liegt und so freute ich mich schon auf mein „Auslandspraktikum“ in der Steiermark in der Rinderpraxis von Dr. VET - Die Tierärzte.

Meine vorherige Erfahrung mit Nutztieren beschränkte sich als echtes Münchner Stadtkindl vor allem auf ‘Ferien auf dem Bauernhof‘ und somit war ich schon sehr gespannt, wie Wirtschaftlichkeit und Tierwohl kombiniert werden, und wie das Verhältnis zwischen Landwirt und Tierarzt ist.

Nachdem mich der Leiter der Rinderpraxis, Prof. Dr. Peinhopf, am Sonntag netterweise vom Bahnhof abgeholt und in meine Pension gebracht hatte, begann am Montagmorgen um 7 Uhr mein erster Praxistag.

Am Morgen wurden zuerst die Autos kontrolliert und Medikamente, die am Vortag verbraucht wurden, wieder aufgefüllt. Anschließend gab es eine erste Besprechung, bei der die Visiten eingeteilt wurden, sodass die Fahrwege möglichst kurz blieben. Bei dieser Gelegenheit wurde ich auch von allen Anwesenden freundlich und leicht verwundert, wie sich eine Münchnerin in die Steiermark verirren kann, begrüßt.

Dann ging es endlich los. Einen Großteil der Patienten stellten Milchkühe dar, die mithilfe eines Ultraschallgeräts untersucht wurden.

Damit können sprungreife Follikel, Gelbkörper, Zysten am Eierstock,  Trächtigkeiten und der Zustand der Gebärmutter kontrolliert werden. Je nach Diagnose wird die Kuh dann besamt oder behandelt. Was genau man da gerade auf dem Bildschirm sieht oder sehen sollte, haben mir die Tierärzte und zum Teil auch die Bauern geduldig erklärt, sodass ich manchmal schon selbst feststellen konnte: Baby on board!

Im Rahmen der Geburt kann es bei Hochleistungskühen zu einer Hypokalzämie, also zu einem Kalziummangel und damit zur Symptomatik des Festliegens kommen. Diese entsteht durch eine stärkere Abgabe von Kalzium im Rahmen der beginnenden Milchproduktion als Aufnahme aus der Nahrung. Da Kalzium eine wichtige Funktion bei der Muskelkontraktion spielt, können betroffene Kühe nicht mehr aufstehen und der Tierarzt wird gerufen.

Die festliegende Kuh bekam eine Kalzium- und Glucoseinfusion, um ihren Kalzium- und Energiemangel, da sie nicht fressen konnte, kurzfristig auszugleichen. Damit der Kalziumwert nach dem Abbau der Infusion nicht sofort wieder in den Keller fällt, wurde ihr außerdem noch einen Teil der Kalziumlösung subkutan als Depot gespritzt. Während der Infusion war es wichtig, den Herzschlag der Kuh ständig zu überwachen, da ein zu hoher Kalziumspiegel zu Herzrhythmusstörungen bis zum Herzstillstand führen kann.

Besonders beeindruckt hat mich unter anderem auch eine Kalbin, die einen 10cm langen Scheidenriss durch die Geburt hatte. Sie wurde genäht und mit Antibiotika abgedeckt und hatte danach keine Probleme mehr. Das klingt relativ unspektakulär, ist aber bei einer Kuh nicht so einfach, da diese weder freiwillig still hält noch eine eingebaute Taschenlampe besitzt.

Bei der Kastration von Kälbern/Stieren konnte man sehr gut sehen, wie unterschiedlich ein vermeintlicher Routineeingriff von Tier zu Tier doch ist. Die Menge des Betäubungsmittels ist je nach Rasse, Gewicht und Gemüt des Kalbes sehr unterschiedlich.

Neben der Akutpraxis war ich auch mit Prof. Dr. Peinhopf zur Bestandsbetreuung unterwegs. Dabei kommt der Tierarzt regelmäßig ungefähr alle fünf Wochen auf den Betrieb und führt Routinebehandlungen, wie Trächtigkeitsuntersuchungen, Messen der Rückenfettdicke und Enthornungen durch und berät den Landwirt zudem auch bei Fütterung, Bau neuer Ställe etc,. um langfristig die Leistung des Betriebs zu steigern. Denn für die Zukunft wird die prophylaktische Betreuung der Tiere immer wichtiger, eine Tatsache, die laut Prof. Peinhopf viele Landwirte schon vor den Tierärzten erkannt haben.

Gerade bei der Bestandsbetreuung hat mich das Verhältnis zwischen dem Tierarzt und den Landwirten positiv überrascht. Ich kannte vorher ja nur den Umgang in der Kleintierpraxis, der oft einem reinen Dienstleisterverhältnis gleicht. Die Landwirte dagegen waren total herzlich und interessiert, sodass man sich nebenbei noch über Gott und die Welt unterhalten kann. Leider gab es in manchen Fällen für mich eine unerwartet große Sprachbarriere, doch allein beim Zuhören am Kaffeetisch habe ich auch viel über die Situation der Landwirte aktuell gelernt.

Meine Bedenken, dass ich aufgrund meiner Größe von 1,65m mehr für die Kleintierpraxis geeignet wäre, konnten mir die Tierärztinnen auch nehmen. Muskelkraft allein ohne Technik hilft auch nicht immer und manchmal können auch dünnere Arme bei einer schwierigen Geburt von Vorteil sein.

Somit habe ich nach wie vor das Ziel, später einmal in einer Nutztierpraxis zu arbeiten, weil ich finde, dass die Arbeit von Stall zu Stall und von Tier zu Tier anders und abwechslungsreich ist und ich es auch für wichtig halte, lebensmittelerzeugende Hochleistungstiere gut zu betreuen, denn wenn es den Tieren gut geht, dann können sie auch mehr leisten und das wollen auch die Landwirte. Gerade in kleineren Betrieben fand ich es beeindruckend aber auch traurig, dass sich das Halten von wenigen Milchkühen oft wirtschaftlich nicht mehr rechnet und die Bauern teilweise nebenbei noch im Schichtdienst arbeiten müssen, aber einfach Spaß daran finden, z.T. seltene Rinderrassen zu züchten.

Um allgemein mehr angehende Tierärztinnen für die Groß- und Nutztierpraxis zu begeistern, würde ich mir wünschen, dass es an den Universitäten mehr Veranstaltungen hinsichtlich Landwirtschaft, Herdenmanagement  etc. gäbe. Denn gerade, wenn man wie ich sein ganzes Leben in der Großstadt verbracht hat, fehlt oft einfach der Bezug zu Nutztieren.

Zudem finde ich es wichtig, im Lauf des Studiums so viele verschiedene Praktika wie möglich zu machen, denn nur so bekommt man einen echten Einblick in die vielen verschiedenen Tätigkeitsfelder eines Tierarztes.

Mein größter Dank gilt daher vets4vieh und vetion.de für die Organisation des Schnupperpraktikums und vor allem dem gesamten Team von Dr. VET, besonders Prof. Walter Peinhopf, Dr. Isabella Prunner und Mag. David Znidaric für die tolle Betreuung.

Dem in dieser Praxis verfolgten Konzept mit  Bestandsbetreuung gehört meiner Meinung nach die Zukunft in der Groß- und Nutztierhaltung und ich würde mich freuen, wenn ich die Gelegenheit erhalten würde,  dort auch mein kuratives Praktikum nächstes Jahr zu absolvieren.



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Praktikant:

Alicia Pichlmeier

LMU München

Praxis:


Dr. VET - Die Tierärzte
Jöss 6a
A-8403 Lebring
T: 0043 (0) 3182 / 7224
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