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Praktikumsberichte

Schnupperpraktikum in Tostedt (03/2017)

Als ich im Dezember 2016 die Mail von Vetion entdeckte, die mir verkündete, dass ich ein Schnupperpraktikum gewonnen habe, konnte ich mein Glück kaum fassen. Als ich mich damals im Oktober beworben habe, hätte ich nie gedacht, dass ich wirklich gewinnen könnte, also war die Freude jetzt umso größer. Nachdem ich von Frau DeMuirier sehr schnell und unkompliziert alle Informationen und ganz wichtig natürlich meine Praxis zugeteilt bekommen habe, konnte es auch schon an die konkrete Terminplanung gehen. Ich absolvierte das Praktikum Ende März in der Tierärztlichen Gemeinschaftspraxis Tostedt.

Ich komme selbst von einem kleinen landwirtschaftlichen Betrieb, den mein Großvater betreibt. Da ich von Kindesbeinen an mit Nutzvieh Umgang habe, war für mich auch immer klar, dass ich auf keinen Fall in einer reinen Kleintierpraxis arbeiten möchte. Es sollte schon mindestens eine gemischte Praxis sein. Von diesem Praktikum erhoffe ich mir einfach noch, einen besseren Einblick in den Alltag und die An- und Herausforderungen in der Nutz- und Großtierpraxis zu gewinnen und mir so in meinem Entschluss sicherer zu werden.

Da meine Anreise nach Norddeutschland etwas weiter war, machte ich mich schon am Sonntag auf den Weg. In Tostedt angekommen, wurde ich sehr herzlich von Dr. Ulrich, einem der Chefs der Praxis, und seiner Frau begrüßt. Das Gästezimmer der beiden war dann auch meine Unterkunft für die kommenden Tage.

Am Montag ging es dann um sieben Uhr mit einer kurzen Vorbesprechung in der Praxis los, bei der ich dann auch den Rest des Teams kennenlernte. Ich wurde von allen sehr nett aufgenommen und habe mich direkt wohl gefühlt, was ich leider bei vorangegangenen freiwilligen Praktika auch schon anders erlebt habe. Diese Vorbesprechungen finden immer zu Beginn des Arbeitstages statt. Hier wird besprochen, was gerade halt so ansteht, und die festen Termine werden auf die drei Tierärzte aufgeteilt.

Gerade in der Nutztierpraxis kann man natürlich nie sagen, was der Tag noch so bringt, da die meisten Notfälle nun einmal nicht während der üblichen Bürozeiten auftreten, sondern spontan zwischengeschoben werden müssen.  An meinem ersten Tag war ich, wie fast immer, mit Dr. Ulrich unterwegs. Unser erster Termin war einmal Blutproben für BHV-1 ziehen und dann noch 2 Bullenkälber bedeckt kastrieren, was für mich sehr aufregend war, da die Ochsenmast in meiner Heimat eher weniger verbreitet ist. Dabei wurde mir sehr viel erklärt und gezeigt. Das zweite Kalb durfte ich dann (natürlich unter Aufsicht) auch selber vorbehandeln und dann die Kastration vornehmen. Der Tag hatte also schon super lehrreich und interessant begonnen. Vor der Mittagspause diagnostizierten wir noch eine Ketose bei einer Schwarzbunten, die nicht so richtig fressen mochte. Wir behandelten sie mit zwei Infusionen, und als wir nach der üblichen Stiefelreinigung aufbrachen, fraß die Patientin schon wieder. Üblicherweise machen wir zwei Stunden Mittagspause, ehe es um halb drei in der Praxis mit der Einteilung des Nachmittags weitergeht. Heute ging es weiter mit Blutproben ziehen, was auch die ganze Woche über immer mal wieder gemacht wurde und eine wirkliche Routinearbeit ist, die ich dann auch des Öfteren machen durfte. 

Der nächste Tag startete schon mit einem meiner Wochenhighlights, einer größere Kälber-kastrationsaktion, wo ich mein neu erlerntes praktisches Wissen vom Vortag direkt anwenden konnte. Am Mittwoch hatten wir vormittags einige Kühe und Pferde zu impfen, am Nachmittag wieder Blutproben ziehen, meine erste Trächtigkeitsuntersuchung bei einer durchaus imposanten, aber sehr umgänglichen Charolais Kuh und einige künstliche Besamungen. Der Tag endete noch aufregend mit einer Verstopfungskolik bei einem fast dreißigjährigen Shetty, dem wir aber mit Schmerz- und krampflösenden Mitteln und Paraffinöl zur Verbesserung der Gleitfähigkeit, aber ohne weitere Nachbehandlung helfen konnten.
Am Donnerstag startete der Tag überraschend, denn unsere Ketose Kuh vom Montag hatte zwar mittlerweile einen Ketonkörperwert im physiologischen Normalbereich, allerdings stellten wir durch Auskultation eine Labmagenverlagerung nach rechts fest, denn bei der rektalen Untersuchung förderte Dr. Ullrich fast nur Sand zu Tage, den die Kuh scheinbar in großen Mengen aufgenommen hat. Also insgesamt ein sehr interessanter Fall. Da die Kuh allerdings noch zusätzlich seit einiger Zeit lahm geht, behielt sich der Landwirt vor, bis zum Nachmittag zu entscheiden, ob die Kuh operiert werden soll oder abgeht. Da sie aber eine sehr gute Milchleistung bringt, entschied er sich dann doch dazu, operieren zu lassen. Nach dieser Untersuchung wurden wir zu einer Kuh mit Verdacht auf Labmagenverlagerung gerufen, der Verdacht bestätigte sich dann auch und es wurde direkt endoskopisch operiert, was für mich natürlich unglaublich spannend war, zumal ich mir immer wieder mal durch die Kamera die Bauchhöhle von innen anschauen durfte.  Am Nachmittag folgte dann gleich meine zweite Labmagen- OP in live bei der Kuh vom Vormittag, sodass auch dieser Tag sehr lehrreich und spannend zu Ende ging.

Da war er dann auch schon, mein letzter Tag: Allerdings blieb am Freitagmorgen nicht viel Zeit für Wehmut, da wir schon vor der Morgenbesprechung zu einem Notfall gerufen wurden, bei einer Färse musste Geburtshilfe geleistet werden. Obwohl das Kalb leider totgeboren wurde, war der Fall für mich sehr interessant und lehrreich. Danach ging es dann routinemäßig weiter mit einer Zahnbehandlung bei einem Pferd und am Nachmittag noch Blutproben ziehen. Mein letzter Tag ging aber äußerst spannend zu Ende, denn wir sollten noch eine Immobilisation bei einer Highland Kuh durchführen, die auf der Weide zusammen mit schwarzbunten Trockenstehern stand und ihr erstes Kalb bekommen hatte. Die Schwarzbunten hatten ihrerseits aber das Kalb adoptiert und ließen die rangniedrige Mutter nicht mehr ran. Die Immobilisation war nun erforderlich, damit Mutter und Kalb wieder zusammen finden konnten und eine Bindung aufbauen können, da die Tiere das ganze Jahr über extensiv gehalten werden.

Insgesamt bin ich sehr zufrieden mit dem Praktikum und fühlte mich in der Praxis sehr gut betreut. Mir wurde viel erklärt und ich durfte auch vieles praktisch machen, wofür ich mich auch noch einmal recht herzlich bedanken möchte. Mein Eindruck von der Arbeit in der Großtierpraxis ist auch durchweg sehr positiv ausgefallen und ich kann mir nach wie vor sehr gut vorstellen nach dem Studium in diesem Bereich zu arbeiten. Natürlich ist die Arbeit auch körperlich durchaus anstrengend, so eine Kuh wiegt halt auch schon was und man hat natürlich auch Fälle, die nicht so schön enden oder wo man nicht mehr helfen kann, aber das ist ja in jeder anderen Sparte genauso.

Dafür ist man viel an der frischen Luft unterwegs, kommt mit vielen verschiedenen Patientenbesitzern in Kontakt und sieht vor allem auch direkt wie das jeweilige Tier lebt und gehalten wird. Außerdem wird die Arbeit garantiert nie langweilig, denn zu den Routineuntersuchungen kommen auch immer wieder spannende und interessante Fälle dazu. Außerdem ist auch Kreativität und Improvisationstalent gefragt, denn im Stall oder auf der Weide sind Equipment und Ausrüstung nun einmal oft eher begrenzt, sodass dann mit dem gearbeitet werden muss, was zur Verfügung steht.

Meiner Meinung nach haben viele Studierende ein zu negatives Bild von der Arbeit mit Groß- bzw. Nutzvieh, was wahrscheinlich vor allem daran liegt, dass viele sich erstens die Arbeit als sehr anstrengend und körperlich belastend vorstellen, aber auch daran, dass die Meinung, dass diese Arbeit aufgrund der Arbeitszeiten schlecht mit Familie und Freizeit vereinbar ist, weit verbreitet ist. Viele befürchten auch, dass sie finanziell bei dieser Tätigkeit schlechter gestellt sind, als beispielsweise Kollegen in einer Kleintierklinik. Ich denke, um diese Vorurteile abzubauen und vielleicht auch Studierende dazu anzuregen, sich die Arbeit erst einmal genauer anzusehen, ehe sie dieses Tätigkeitsfeld für sich ausschließen, wäre es sinnvoll schon zu Beginn des Studiums einfach mehr Werbung für die Sparte zu machen und vor allem auch Tierärzte einzuladen, die dann von ihrem Alltag erzählen und Fragen beantworten.



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Praktikant:

Isabell Hahn

FU Berlin

Praxis:


Tierärztliche Gemeinschaftspraxis Tostedt
Dr. Stefanie Reinhardt & Dr. Bernhard Ulrich
Im Stocken 8a
21255 Tostedt
T: 04182-1241
www.tierarzt-tostedt.de

Pate:


Boehringer Ingelheim Vetmedica GmbH
Binger Str. 173
D-55216 Ingelheim am Rhein
Telefon: 06132 77 0

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