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Praktikumsberichte

Schnupperpraktikum in Teissendorf

Es ist Montag früh. Als um 6 mein Wecker klingelt, denke ich „Oh nein, die Histo-Bücher warten schon!“ aber im nächsten Moment erinnere ich mich: Die Physikumsprüfungen sind geschafft und ich bin im unglaublich schönen Berchtesgadener Land, wo ich heute mein Praktikum in der Tierklinik Teisendorf anfangen werde.
Als echtes Stadtkind bin ich schon sehr gespannt, wie der Alltag eines Landtierarztes wohl aussieht und ich sollte einige Überraschungen erleben.

Kurz vor halb 8 stehe ich also in der Klinik auf der Matte und bekomme als erstes eine kurze Klinikführung von Dr. xxx, die mir bei der Gelegenheit ihren süßen Shettihengst Muckel vorstellt, der dem Klinikpferd Maida und den zu besamenden Stuten Gesellschaft leistet.
Dann geht’s in den Besprechungsraum für die Großtierärzte, wo jeden Morgen um halb 8 die Termine verteilt werden. Hier lerne ich die anderen Kollegen kennen, aber nach dem vierten neuen Namen hab ich die ersten doch wieder vergessen. Naja, ich hab ja eine Woche Zeit um sie zu lernen.
Was mir als erstes auffällt, ist die lockere und freundliche Atmosphäre: ich darf sofort jeden duzen, Praktikantin xxx scherzt mit dem Chef und ich werde von Steffi, der neuen Kollegin, zu ihrer Einweihungsparty eingeladen. Aber nun mal zu dem, weshalb ich eigentlich hier bin.
Die Besuche für den Vormittag sind also verteilt, jetzt werden schnell noch die Autos gepackt und dann gehst los.
Ich bin mit xxx unterwegs und als erstes geht’s zur Nachkontrolle einer Festliegenden Kuh. Die Behandlung war erfolgreich, die Kuh steht und frisst… ein guter Start in den Tag und wir fahren zur nächsten Patientin.
Die hatte 10 Tage vorher Drillinge zur Welt gebracht und hat Probleme mit der Nachgeburt. Also hatte ich die Chance, meine erste Vaginaluntersuchung durchzuführen… oder sowas ähnliches. Da die Gebärmutter noch immer sehr groß und stark gefüllt ist, werden der Kuh noch ein paar Schaumstäbe eingelegt, bevor wir uns dem Rest des Bestandes widmen. Für die übrigen Rinder im Stall (das heißt, alle, die älter als 3 Monate sind) steht nämlich heute die in Bayern inzwischen vorgeschriebene Impfung gegen die Blauzungenkrankheit an. xxx zeigt mit zweimal, wie es richtig geht und dann darf ich auch mal ran. Seit dem weiß ich auch, weshalb man aus Rinderhaut Leder macht… unglaublich, wie dick so eine Kuhhaut ist; ich habe Angst, beim Durchstechen die Kanüle zu verbiegen. Aber nach der dritten Kuh hab ich mich dran gewöhnt und meine Opfer waren zum Glück auch recht kooperativ. Nachdem wir durch sind, noch kurz ein bisschen Papierkram und weiter geht’s zum nächsten Stall.
Hier ist eigentlich nur ein Abgabebeleg abzugeben, aber der Bauer hat noch eine Problemkuh, die einfach nicht fressen will, die sich Kerstin also schnell noch mit ansieht. Mona (ja, in Oberbayern haben die Kühe noch Namen!) bietet schon ein klägliches Bild, abgemagert wie sie ist. xxx entschließt, eine Blutprobe mitzunehmen um die Leberwerte zu überprüfen und das bedeutet gleich die nächste Premiere für mich: Ich darf das erste Mal i.v. stechen. Zugegeben, bei Monas wunderschön darstellbarer V. jugularis ist das keine große Kunst, aber ein bisschen stolz war ich schon, dass es gleich beim ersten Versuch geklappt hat.
Der nächste Termin führt uns zu einem Behindertenhof. Hier sollten eigentlich nur Kotproben von Lamas mit einem Parasitenproblem abgeholt werden, aber wie das so ist, wenn der Tierarzt schon mal da ist, finden sich gleich noch ein paar andere Patienten. In diesem Fall die Pferde und der Esel des Hofes, deren Wehwehchen sich aber als eher harmlos entpuppten.
Damit war der eher ruhige Vormittag vorbei und wir fahren zurück zur Klinik um die diversen Proben im Labor abzugeben und in die Mittagspause zu gehen.
Um 3 geht’s dann nach einer kurzen Besprechung weiter.
Der Nachmittag ist ähnlich ruhig wie der Vormittag, eigentlich nur Fahrerei, aber die schöne Landschaft verkürzt lange Fahrtzeiten unheimlich.
Erst am Abend wird’s dann für mich noch etwas aufregender: Als xxx und ich von der Nachmittagsrunde zurückkommen, ging gerade ein Anruf in der Klinik ein. Eine Kuh liegt fest. Also mache ich mich diesmal mit xxx auf den Weg. Auf der Fahrt testet xxx gleich mal, ob ich mein Physikum verdient hab und fragt mich nach möglichen Diagnosen und der dazugehörigen Behandlung und als wir im Stall ankommen erhärtet sich der Verdacht: Milchfieber.
Da die Kuh schon ziemlich platt ist, gibt’s zuerst ne Glucoseinfusion und dann ist Calcium dran. Während wir warten erklärt xxx mir noch mal genau, worauf es hier ankommt. Als wir uns wieder auf den Weg machen wollen, geht’s der Kuh noch nicht wirklich besser, aber am nächsten Morgen erfahren wir vom Bauern, dass sie wieder steht.

Das Highlight am nächsten Tag wartet in einem verhältnismäßig großen Bestand, wo wieder eine BT-Impfung ansteht… oder besser gesagt 130. Der Spaß an der Sache war, dass keines der Tiere fixiert war. Die rund 80 Kühe haben, bestochen durch Futter, alles relativ gelassen über sich ergehen lassen. Interessant wurde es erst bei den Jungviechern. An diesem Tag hab ich gelernt, dass man als Tierarzt mal erfinderisch sein muss.
Am Nachmittag standen auch überwiegend BT-Impfungen an, sowie eine künstliche Besamung.
Das Beste an diesem Tag erwartete mich allerdings in der Klinik in Form einer Kutschfahrt mit dem süßen Muckel. Eine schöne Gelegenheit die Gegend etwas besser kennen zu lernen.
Auch an den folgenden Tagen waren Impfungen an der Tagesordnung, was manchmal durchaus mit Überredungskunst zu tun hatte, denn nicht alle Bauern (von den Kühen ganz zu schweigen) sind begeistert von der relativ neuen Vorschrift, obwohl die Impfung von der Tierseuchenkasse getragen wird.
Ein paar interessante Fälle gab es aber auch noch. Z.B. habe ich gelernt, dass der Aderlass nicht unbedingt ins Mittelalter zu verbannen ist, sondern auch seine Berechtigung haben kann, nämlich bei Hufrehe.
Mit xxx war ich am Donnerstag bei einer Dame, die sich aufopfernd um ihre drei alten Shettys kümmert. Es war ein bisschen, wie auf einer Krankenstation, denn jedes der Ponys hatte ein anderes Problem: Sommerekzem, Cushing, Rehe.
Wir waren aber nur für die kleine Lady da. Corinna wollte den Besitzern als Alternative zum regelmäßigen Aderlass eine Therapie mit ASS vorschlagen. Das hätte den gleichen Effekt, Blutverdünnung, würde aber zusätzlich schmerzstillend wirken und wäre weniger invasiv. Aber das hatten sie bei Lady früher schon ausprobiert und der Erfolg war nicht der gleiche, also musste Lady Blut lassen.
Allerdings hat xxx keine Aderlasskanüle benutzt und drei Tage später, als ich mit Kerstin bei einem Hafi mit Rehe war, wusste ich dann auch warum. Das ist schon ein sehr beeindruckendes Gerät, weniger vergleichbar mit einer Nadel als mit einem Rohr.

Ja, zu sehen, wie alte und kranke Tiere in einem schönen zu Hause versorgt werden, gehört zu den schönen Erlebnissen eines Tierarztes. Leider habe ich auch die weniger schöne Seite an diesem Beruf kennen gelernt.
Woran ich dabei denke ist weniger das Kalb, das xxx vermutlich wegen BVD einschläfern musste, oder die Kuh, die auf der Weide festlag und leider trotz aller Anstrengungen nicht mehr hoch gekommen ist. Viel schlimmer fand ich einige Bestände, wo ich am liebsten gleich wieder rückwärts aus dem Stall gegangen wäre. Abgemagerte Kühe, viele mit großen z.T. eiternden Wunden an den Beinen, zu lange Klauen und absolut dreckige Stände. Eine Behandlung darf, wenn sie überhaupt veranlasst wird am besten nichts kosten und die Medikamente sollten keine Wartezeit haben…. Da kann einem die Lust am Arbeiten schon vergehen. Aber zum Glück sind das doch die Ausnahmen gewesen. Immerhin kennen die meisten Kühe hier noch grüne Wiesen und gehen eigentlich nur zum Melken und Füttern in den Stall.

Insgesamt hat mir die Zeit in der Klink sehr gut gefallen… so gut, dass ich gleich noch eine Woche Praktikum dran gehängt habe.
Eine weitere spannende Woche, in der ich unter anderem meine erste Kuhgeburt… und meine zweite und meine dritte. Zum krönenden Abschluss, bin ich am letzten Tag mit xxx zur Fohlenauktion nach München gefahren, wo Kunden der Klinik zwei Fohlen verkauft haben.
Auch wenn ich mich noch nicht festgelegt habe, die Zeit in der Tierklinik Teisendorf hat mich in meiner Entscheidung, mich trotz meiner eher geringen Körpergröße auf Nutztiere zu konzentrieren, bestärkt. Befürchtungen, ich könnte der Arbeit rein körperlich nicht gewachsen sein, haben sich als unbegründet erwiesen und ich denke, dass mir die Arbeit in der Nutztierpraxis auf Dauer Spaß machen würde.

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Praktikant:

Lydia Termeer