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Praktikumsberichte

Schnupperpraktikum in Heeslingen

Was wissen Sie über das alltägliche Leben und Arbeiten eines Nutztierarztes? Nichts oder nur sehr wenig? Dann geht es Ihnen genauso wie mir, bevor ich die Möglichkeit bekommen habe ein Schnupperpraktikum in der Tierärztlichen Gemeinschaftspraxis Heeslingen machen zu können. Das Praxisteam besteht aus 9 erfahrenen Tierärzten und 9 Mitarbeiterinnen, die ein vielfältiges Behandlungsangebot anbieten. So umfasst es die tierärztliche Betreuung von Pferden, Kleintieren sowie die zwei großen Interessenschwerpunkte Rinder und Schweine. Am Tag vor Praktikumbeginn bin ich in dem kleinen Ort, der ungefähr eine Stunde vor Bremen entfernt liegt, angekommen. An der Bushaltestelle werde ich von Dr. XXX, einem der insgesamt vier Praxisinhaber, abgeholt. Bei ihm Zuhause angekommen, lerne ich auch seine Frau und seine Kinder kennen. Mir stehen ein großes Zimmer sowie drei, wie ich später feststellen sollte, sehr leckere und abwechslungsreiche Malzeiten am Tag zur Verfügung. Nach dem freundlichen Empfang mache ich einen Rundgang durch die Praxis, wobei Doktor XXX mir die Einzelheiten der Aufbaustruktur der vielen Räume erklärt.

An meinem ersten Praktikumstag kann ich mir einen Überblick über die Arbeit eines Rindertierarztes verschaffen. Von „Menschen, Tiere und Doktoren“ inspiriert, habe ich sehr hohe Erwartungen an diesen Arbeitsbereich und werde am Ende des Tages auch keineswegs enttäuscht. Insgesamt vier Tierärzte sind für die Rinderbetreuung zuständig und mein „persönlicher Lehrer“ an diesem Tag ist der Tierarzt XXX.

Mit Stethoskop, einem von vets4vieh gesponserten Overall und Thermometer „bewaffnet“ starte ich in einen erfahrungsreichen Vormittag. Der erste Patient an diesem Montag ist ein festliegendes Kalb, dass mit Hilfe von einer intravenös verabreichten Kochsalzlösung wieder auf die Beine kommen soll. Auf diesem Betrieb wird noch zusätzlich eine Kuh zum zweiten Mal künstlich besamt, wobei zuvor durch eine Rektaluntersuchung eine Trächtigkeit ausgeschlossen werden konnte. Kurze Zeit später fahren wir zu einem Milchbetrieb, der mehrere Sorgenkinder hat. Kälber im Alter von wenigen Wochen haben starken Husten und müssen dringend von Doktor XXX behandelt werden. Der Nachmittag, an dem wir bei mehreren Kühen eine Nachgeburtsuntersuchung durchführen geht schnell vorbei und so ist es bereits halb acht, als auch das letzte Tier versorgt ist.

Am Dienstag schaue ich Doktor XXX über die Schulter und werde in die tierärztliche Betreuung von Schweinen eingeführt. Zunächst werden uns mehrere Ferkel mit Atembeschwerden vorgestellt. Zu meinen Aufgaben gehört es die Temperatur zu messen und sich einen Überblick über die Ferkelaufzucht und die allgemeine Schweinehaltung zu verschaffen. Im Verlaufe des Tages kann ich viele interessante und wissenswerte Erfahrungen sammeln. So werden zum Beispiel etwa dreißig Sauen auf Trächtigkeit untersucht, wobei Doktor Wilke mir ausführlich die Ultraschalldiagnostik erklärt. Des weiteren darf ich beim Kastrieren der so genannten „Binneneber“, also Ferkel mit Kryptorchismus, assistieren. Ich fühle mich nun endlich wie ein `echter `Tierarzt und ahne noch nicht, dass mich an diesem Tag noch mehr Überraschungen erwarten. Am Abend hat Doktor XXX telefonischen Bereitschaftsdienst, was bedeutet, dass er jederzeit zum Einsatz gerufen werden kann. So ist es bereits zehn Uhr Abends, als sich am Telefon eine besorgte Hundebesitzerin meldet und Dr. XXX und ich zur Praxis rüberfahren. Wenige Augenblicke später wird uns der sichtlich erschöpfte und sich im Schockzustand befindende Patient vorgestellt. Wir erfahren, dass der Hund bereits vor mehreren Stunden von einem Pferd gegen den Kopf getreten wurde. Die ersten Symptome, wie zum Beispiel starkes Zittern oder Kopfschiefhaltung, die den Ausfall einiger Gehirnnerven vermuten lässt, sind jedoch erst am Abend aufgetreten. Ich darf bei der allgemeinen Untersuchung und bei der anschließenden Medikamentengabe assistieren und schließe in dieser kurzen Zeit den vierbeinigen Patienten in mein Herz. Dieser Fall zeigt mir, wie wichtig es ist als Tierarzt den Mut zu haben eine schnelle und dennoch gut grundierte Entscheidung treffen zu können.

Der dritte Tag meines Schnupperpraktikums steht unter dem Motto: „Rektalisieren lernen“. Ich arbeite wieder mit Doktor XXX zusammen und kann meine Kenntnisse in den Bereichen Rinderhaltung und Behandlung vertiefen. Unsere erste Aufgabe an diesem Mittwoch ist es dem Tagesmotto ganz getreu fast fünfzig Kühe auf Trächtigkeit zu untersuchen. Als nächstes besuchen wir einen Milchviehbetrieb auf dem der gesamte Bestand gegen IBR geimpft werden soll. Am Nachmittag werde ich zum ersten Mal in meinem Leben Zeuge wie eine Kuh euthanasiert wird. Dieser Entschluss muss auch mit dem Besitzer abgesprochen werden, weil der Verlust einer Hochleistungskuh auch finanzielle Einbußen für den Landwirt bedeutet. Umso wichtiger ist es in dieser Situation als Tierarzt das Vertrauen des Besitzers für sich zu gewinnen.

Am Donnerstag begleite ich Doktor XXX zur Arbeit. Wir fahren zu einem großen Ferkelaufzuchtsbetrieb mit mehr als zwei Tausend Sauen und ungefähr ein Tausend „abgegebenen“ Ferkeln pro Woche. Wie bei den meisten Zuchtbetrieben vorgeschrieben, ist es auch hier für jeden Besucher und besonders für den Tierarzt Pflicht sich Betriebseigene Kleidung anzuziehen. Danach führt Doktor XXX eine Bestandsuntersuchung, die auch das Impfen beinhaltet, durch. Als wir bereits auf dem Weg zur Praxis sind, werden wir gebeten dringend nochmals zurückzukommen. Der Grund dafür ist eine trächtige Sau, die aus eigenen Kräften die Geburt nicht zu schaffen scheint. Doktor XXX erkennt sofort den Ernst der Lage und trifft die Entscheidung die Ferkel „blutig herauszuholen“ . Bereits wenige Augenblicke später befinde ich mich mitten in einer OP, bei der die Bauchhöhle und die Gebärmutter des Tieres aufgeschnitten werden und die Ferkel somit herausgeholt werden können. So liegt es auch an mir schnell zu handeln und die Ferkel vor dem Ersticken zu bewahren indem ich den Schleim aus ihren Rachen entferne und sie kräftig reibe. Das Muttertier überlebt diesen Eingriff jedoch nicht und muss eingeschläfert werden. Die Operation und die Mühe haben sich dennoch gelohnt, denn bestimmt bereits wenige Monate später werden die dreizehn Ferkel als leckere Steaks auf die Teller der Verbraucher serviert.

Am Nachmittag fahre ich mit Doktor XXX, einem sich auf Kühe und teilweise auch Pferde spezialisierten Tierarzt, mit. Ich kann mich noch einmal bei der rektalen Untersuchung beweisen. Dabei leistet Doktor XXX mir eine Hilfestellung indem er die Gebärmutter „vorverlagert“ und mir präzise Anweisungen gibt. So erklärt er mir auch, wie eine künstliche Besamung richtig durchzuführen ist und welche Schwierigkeiten sich dabei ergeben können.

An meinem fünften Praktikumstag darf ich vorerst zum letzten Mal in die spannende Welt eines Nutztierarztes eintauchen und dem Rindertierarzt XXX auf Schritt und Tritt folgen. Zunächst führen wir mehrere Bestandbetreuungen, die unter anderem Trächtigkeitsuntersuchungen und künstliche Besamungen beinhalten, durch. Der prägnanteste Fall an diesem Freitag ist eine Kuh mit einer inneren Darmververlegung, die operativ behandelt werden soll. Es sind jedoch mehrere Vorkehrungen notwendig, bevor der Eingriff stattfinden kann. So wird zunächst die Operationsstelle breitflächig rasiert, gewaschen, desinfiziert und anschließend betäubt. Während des Eingriffs und auch im weiteren Tagesverlauf werde ich stets von Doktor XXX über die richtige Vorgehensweise informiert und kann mehr praktische Erfahrungen sammeln, als im Verlaufe der bereits vergangenen vier Semester.

An dieser Stelle möchte ich mich bei dem gesamten Praxisteam und auch bei der Familie XXX für ihre Freundlichkeit, Zuwendung und Geduld bedanken. Diese fünf Tage haben sehr viel zu meiner beruflichen und persönlichen Weiterentwicklung beigetragen.

Zusammenfassend kann man sagen, dass der Nutztierarzt ein moralisch guter und besonders von den Landwirten sehr respektierter Beruf ist. Freund und Helfer auf dem Land ist somit nicht die Polizei, sondern der Tierarzt!

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Praktikant:

Anton Pikhovych