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Praktikumsberichte

Mein Schnupperpraktikum in Tarmstedt

Ich hatte nicht nur das Glück, beim vets4vieh-Gewinnspiel ein Praktikum zu gewinnen, sondern auch eine gute Praxis mit netten Ärzten und Mitarbeitern zu erwischen! So landete ich in Tarmstedt in der Praxis von Doctores Holsten, Schicktanz und Finkensiep.
Ich, als typisches Stadtkind, war zunächst unsicher bis skeptisch, wie ich nun mit Rindern, Pferden und Schweinen zurechtkommen würde. Doch die Zweifel verflogen schnell, und ich hatte viel Spaß bei der Arbeit. Das lag natürlich auch daran, dass ich aktiv helfen durfte und viel dabei lernte. An dieser Stelle möchte ich mich auch direkt bei Dr. Finkensiep (und Familie) für die tollen Erfahrungen und eine herausragende Gastfreundschaft bedanken!
Wie ich schnell merkte, hat man als Großtierarzt einen hohen Arbeitsaufwand, und gleich am 1. Tag hatten wir ein strammes Programm (wobei ich nur die interessanten Fälle erwähne, da das Realpensum den Rahmen meines Berichts eindeutig sprengen würde). Es begann mit einer Besamung, bei der es meine Aufgabe war, die Daten der Kuh und des Deckbullen (anwesend nur durch sein Sperma) in einen Minicomputer aufzunehmen. Als nächstes standen Blauzungen-Virus-Impfungen auf dem Programm. Seit diesem Jahr ist es gesetzlich vorgeschrieben alle weiblichen Wiederkäuer zu impfen, was bei ca. 4 Millionen Rindern in Niedersachsen einen großen Arbeits- und Zeitaufwand darstellt. Geimpft wurde subcutan im seitlichen Halsbereich. Bei angebundenen Tieren war dies kein Problem (wobei ich auch da erst nach etwas Übung sicher wurde), doch bei frei im Laufstall herumlaufenden Rindern war dies schon schwieriger, zumindest für mich, wohingegen Dr. Finkensiep mit großer Souveränität die vorbeilaufenden Tiere impfte.
Das nächste Ereignis des Tages war die unblutige Kastration von 2 Bullen, wobei ich dies bei dem 2. nach Injektion des Betäubungsmittels in die Schwanzvene unter Anleitung und unter wachsamem Auge des Tierarztes übernehmen durfte. Hier merkte ich erstmals, dass man trotz Technik auch Kraft im Umgang mit Großtieren benötigt, z.B. beim Fixieren des Schwanzes mit der linken Hand oder auch beim Quetschen der Zange mit links, während die Rechte den Samenstrang in Position hält, damit er auch wirklich abgedrückt wird. Wir behandelten außerdem eine Kuh mit Fieber, die sich kurz nach dem Abkalben befand; als Medikation führte ich 3 Stäbe Antibiotikum in die Gebärmutter ein, um während der abzuwartenden natürlichen Lösung der Nachgeburt bakterielle Besiedelung und Entzündungen zu vermeiden. Es war spannend, die anatomischen, bis jetzt nur an aufgeschnittenen Präparaten gesehenen Verhältnisse, nun beim lebenden Tier zu erleben bzw. zu erfühlen!

Am nächsten Tag legte ich dann meinen ersten Harn-Katheter bei einer Kuh, was sich trotz Diverticulum suburethrale als einfacher erwies als gedacht. Ebenso durfte ich meine erste IV-Injektion in die V. Jugularis machen (wieder natürlich unter guter Anleitung und mit Erläuterung!). Bei einer weiteren BTV-Impfaktion sah ich einen neuen, hochmodernen Betrieb, der mich aufgrund von Ausstattung, Größe und Sauberkeit beeindruckte.
Immer wieder hatten wir auch Mastitiden zu behandeln, bei denen ich dann z.T. Milchproben nahm und auch das Verfahren des Resistenztests im Labor kennen- und auszuwerten lernte. Hierbei war für mich auch wichtig zu lernen, wie man einen Routinecheck bei der Kuh durchführt: Herzschlag, Temperatur, Lunge und Pansengeräusche überprüfen, Temperatur der Ohren fühlen (kalte Ohren sind kein gutes Zeichen), Euter palpieren, Schleimhäute prüfen und gegebenenfalls Urin und Kot prüfen.
Bei diversen Trächtigkeitsuntersuchungen und generell beim Rektalisieren merkte ich, wie schwer es ist, sich in der Kuh zurechtzufinden. Nach einiger Zeit konnte ich neben warm und weich aber zumindest auch Gebärmutter (+ Lig. intercornuale zwischen den Hörnern), Eierstöcke, Pansen und linke Niere differenzieren. Auch eine hühnereigroße Ovar-Zyste konnte ich bei einer Kuh ertasten, die dann anschließend (vom Tierarzt) durch Stich durch das Beckenband punktiert wurde, damit die Flüssigkeit ablaufen konnte und der Zyklus der Kuh sich fortsetzen konnte.
Interessant war auch eine Kuh mit stark geschwollenem Kniegelenk, das sich letztendlich aber als Karpalgelenk erwies. Durch Betasten der offenen Wundhöhle wurde ermittelt, dass das Gelenk unversehrt geblieben war, allerdings eine eitrige Wundhöhle entstanden war. Diese wurde dann gründlich gespült und ein weiteres Loch zur Drainage geschnitten; eine kontinuierlich hindurchgezogene, in Jod getränkte Mullbinde sollte den Abfluss des Eiters erleichtern. Am Donnerstag dann war OP-Tag. Zunächst mussten 2 Binneneber kastriert werden. Interessant wurde es beim Dritten, dessen vermeintlicher Hoden ein prall mit Eiter gefüllter, großer Abszess war, der punktiert werden musste. Hoden haben wir anschließend im Inguinal- und Abdominalbereich nicht mehr finden können. Beim Nähen durfte ich zunächst assistieren und die letzte Naht sogar selber stechen.
Am gleichen Tag hatten wir dann auch noch eine endoskopische Labmagen-OP, bei der der Labmagen nach links verrutscht war und nun abgegast und am Bauchboden befestigt werden musste, damit die Verdauung nicht weiter blockiert wurde. Man konnte vorher auch gut das typische ''Klingeln'' beim Auskultieren hören, das durch das Gas im Labmagen verursacht wird. Faszinierend, wie eine halbe Stunde und 3 Löcher später der Labmagen fest am Bauchboden verzurrt war! Als wir eigentlich gerade Feierabend machen wollten, bot sich für mich noch die Gelegenheit, mit Dr. Schicktanz Geburtshilfe zu leisten, bzw. in meinem Falle zuschauen und lernen zu dürfen. Ich konnte fühlen, wie das Kalb im Geburtskanal lag(bäuchlings, Hinterläufe zuerst), und Dr. Schicktanz macht mich auch auf beachtenswerte Dinge aufmerksam, z.B., dass man den Muttermund etwas zurückschieben muss, damit dieser nicht reißt und nach der Geburt die Vaginalarterien prüfen sollte, weil diese bei Ruptur zu starken Blutungen führen können. Das Kalb war allerdings leider schon tot, was wir schon vorher befürchtet hatten, da die Nabelschnur nicht mehr pulsierte. Wie wir nach der Geburt merkten, waren die Plazentome auch schon recht weit abgelöst, wodurch der Sauerstoffmangel entstanden war. Zusätzlich hatte das Kalb vermutlich auch eine Behinderung, da die Gelenke der Gliedmaßen stark versteift waren.

An einem Nachmittag, an dem Dr. Finkensiep Bürokram erledigen musste, hatte ich Gelegenheit auch noch einmal in die Kleintiersprechstunde hineinzuschauen. Es wurden ein paar Hunde geimpft und von einer etwas alterschwachen Katze ein Blutbild erstellt . In der gesamten Zeit hatten wir immer wieder zwischendurch auch Pferde als Patienten, bei denen aber hauptsächlich Impfstoffe (Tetanus, Influenza oder Herpes) in die Pectoralis-Muskulatur injiziert werden mussten oder eine Lahmheit (meist durch Umschläge oder Schmerzmittel) behandelt werden musste.

Besondern gefallen hat mir das oft sehr herzliche, relativ persönliche Verhältnis zwischen Tierarzt und Landwirt, was ich so in der Kleintierpraxis noch nicht erlebt habe, sowie die schöne Landschaft die man tagtäglich genießen konnte. Verwundert hat mich auf der anderen Seite, dass von Seiten der Landwirte manchmal Ratschläge nicht so gerne angenommen wurden.

Alles in Allem hatte ich eine sehr aufregende Woche; und wenn das Ziel des Gewinnspiels bzw. des Praktikums eine Steigerung des Interesses und der Begeisterung an der Nutztierpraxis war, dann herzlichen Glückwunsch, in meinem Fall ist dies sehr gut geglückt!

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Praktikant:

Viola Feder