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Praktikumsberichte

Mein Schnupperpraktikum in Tarmstedt

Sonntag: Anreise und erste Besuche
Nachdem ich eine Woche in Dornumersiel einen wunderschönen Urlaub an der Nordseeküste erlebt hatte, ging es Sonntag von dort aus los nach Tarmstedt. Die BusBahnBus Verbindung war miserabel, aber das lange Fahren und Warten hat sich, wie es sich herausstellen sollte mehr als gelohnt.
In Tarmstedt angekommen wurde ich von der gesamten Familie Finkensiep inkl. Hunde am Busbahnhof abgeholt. Zuhause angekommen bezog ich mein eigenes Zimmer, welches wesentlich komfortabler eingerichtet war als unser Ferienhaus.
Nach dem Abendessen ging es dann auch gleich los. Dr. Andreas Finkensiep hatte Notdienst und das hieß, dass wir noch 2 Höfe anfahren mussten.
Ich wurde von Dr. Finkensiep voll ausgestattet: Phonendoskop, Thermometer und Schere, nun war ich für alles bereit.
Der erste Fall war eine Kuh die festlag. Die erste Vermutung war Milchfieber, was sich später bestätigen sollte. Ich durfte Fiebermessen und den Herzschlag abhören, wobei ich nach einem kleinen Hinweis von Dr. Finkensiep sogar Extrasystolen heraushören konnte. Sie bekam eine Ca-Infusion und nach kurzer Zeit war sie wieder auf den Beinen.
Der zweite Fall, war wieder eine festliegende Kuh. Zusätzlich ist bei dieser, die Nachgeburt noch nicht vollständig abgegangen, was man deutlich fühlen konnte. Dr. Finkensiep zeigte mir wie man ein Halfter bindet und so die Kuh am Fanggitter fixiert, um eine Ca-Infusion zu legen. Überhaupt hat er mir alles gut erklärt und sich für mich Zeit genommen, was deutlich zu dem ohnehin schon guten Klima beigetragen hat.
Wieder Zuhause, ließen wir den Abend bei einem kühlen Bierchen ausklingen.

Montag: Nachgeburten, Heilerde und eine Kastration
Nach einer erholsamen Nacht und einem leckeren Frühstück mit der ganzen Familie fuhren wir erstmal in die Praxis. Dort treffen sich die 3 Großtierärzte der Gemeinschaftspraxis und koordinieren den ,bis dahin planbaren, Tagesablauf, darüber hinaus sind alle Praxiswagen über Funk miteinander und mit der Praxis in Verbindung, um immer schnell reagieren zu können.
Die ersten beiden Fälle waren 2 Kühe mit Fieber, die vor kurzer Zeit gekalbt haben. Bei einer vaginalen Untersuchung konnte man Teile der Nachgeburt ertasten, die sich noch nicht abgelöst hatten. Auch leichtes Ziehen brachte nichts. Dr. Finkensiep erklärte mir sehr genau und bildhaft was ich nun so ungefähr fühlen sollte und schon klappte alles, weil der erste Eindruck nur warm, feucht und weich war. So konnte ich dann auch 3 Antibiotika - Stäbe in den Muttermund einführen, welche eine Entzündung der Reste verhindern sollte.
Dann fuhren wir weiter zu einem Pferd, welches hinten/rechts lahmte. Nach genaurem Hinsehen konnte man eine deutliche Schwellung erkennen. Es handelte sich um eine Sehnenscheidenentzündung, welche wir mit essigsaurer Tonerde und einem Verband behandelten. Diesen durfte ich selber anlegen.
Nun war eine Kastration eines einjährigen Hengstes an der Tagesordnung. Die Tetanusspritze durfte ich in die Brustmuskulatur spritzen. Nach Sedation reinigte und desinfizierte ich das OP-Feld und palpierte die Hoden und versuchte sie in den Proc. Vaginalis vorzulagern.
Bei der OP selbst, durfte ich assistieren und sogar einen Hoden mit einer scharfen Zange entfernen. Die Wunde wurde noch mit Aluspray versorgt.
In der Mittagspause wurde ich von Fr. Dr. Finkensiep vorzüglich bekocht, wie auch alle übrigen Tage.
Am Nachmittag standen weitere Pferde-Besuche an, wobei es sich immer um Impfungen handelte, so konnte ich mehr und mehr Impferfahrung sammeln.

Dienstag: Besamungen, Mastitis und Labmagen (lI)
Am Morgen fing alles ganz ruhig mit Besamungen an, Spermaauftauen und Bestücken des Einführstabs war meine Aufgabe. Nach jeder Besamung durfte ich auch rektalisieren und versuchen, ob ich den kontrahierten Uterus fühlen konnte, zugegeben beim ersten Versuch fühlte ich kaum was, aber schon nach der dritten Kuh konnte ich ihn deutlich ertasten, nicht zuletzt durch gute Tipps von Dr. Finkensiep.
Bei einer Kuh mit vermuteter Mastitis entnahm ich Milchproben, welche später im Labor ausgewertet wurden, um Resistenzen der Keime zu erkennen und die Behandlung anzupassen.
Der nächste Fall war eine Kuh mit einem aufgegasten Labmagen, welcher sich links neben den Pansen geschoben hatte und so die Verdauung der Kuh blockierte, diesen konnte man deutlich durch Abhören und Abklopfen (metallisches Ping-Geräusch) erkennen. Wir operierten minimalinvasiv mit einem Endoskop, wo ich beeindruckende Bilder aus dem inneren einer lebenden Kuh sehen durfte. Nach erfolgreicher OP war Mittagspause.
Danach wieder Impfungen und eine Trächtigkeitskontrolle.

Mittwoch: Besamungen, Nachgeburtskontrollen, eine kleine Fahrt durch die Heide und ein Kaiserschnitt
Der Morgen war relativ ruhig, wenige Besamungen und Nachgeburtskontrollen, wobei ich immer mehr Erfahrung sammeln konnte. Nach getaner Arbeit zeigte mir Dr. Finkensiep noch die schönsten Plätze des Moors rund um Tarmstedt.
Die Mittagstour fuhr ich mit Dr. Schicktanz wobei ich erneut bei einer Labmagen OP (lI.) assistieren durfte.
Im Nachtdienst fuhr ich wieder mit Dr. Finkensiep und heute durfte ich eine der schönsten Erfahrungen im Praktikum machen. Ein Kaiserschnitt bei einer Kuh. Alles verlief gut und der teure Geburtshilfekittel, den ich mir extra angeschafft hatte, war nun auch endlich sein Geld wert. Ich wurde sehr in die OP eingebunden und durfte sogar ein wenig nähen und klammern. Kuh und Kalb waren wohl auf und die Bäuerin hatte den Schnaps schon bereitgestellt.

Donnerstag: Umzug zu Schicktanzs und Labmagen OP (re.) Am Donnerstag bin ich in die Wohnung von Dr. Schicktanz umgezogen, welche mindestens genauso toll war wie bei Finkensieps. Heute fuhr ich nur mit Dr. Schicktanz. Morgens behandelten wir ein fiebriges Kalb und führten Nachgeburtskontrollen und Besamungen durch.
Kurz vor der Mittagspause mussten wir noch einen rechten Labmagen operieren. Da man einen rechten Labmagen nicht endoskopisch operieren kann handelt es sich um einen schweren Eingriff.
Die OP führten wir und freiem Himmel durch und ich durfte wieder assistieren. Leider erkannte Dr. Schicktanz schon während der OP das der Labmagen wohl nicht mehr ganz gesund aussah und die Verlagerung wohl schon mehrere Tage bestanden hatte. Darüber hinaus machte der Kreislauf der Kuh den Stress der OP nicht mehr mit. Sie brach ein und fiel fast auf die OP-Seite, mit vereinten Kräften schafften wir es aber sie nach links ans Scheunentor zu drücken, wo sie dann einsank. Sie bekam sofort eine Ca, Glukose und NaCl Infusion, woraufhin sich ich Kreislauf stabilisierte. Die OP konnte beendet werden, aber leider verstarb die Kuh kurz darauf vermutlich an einem Endotoxin-Schock, welcher durch das tote Gewebe im Labmagen verursacht wurde.
Die Mittagstour bestand hautsächlich wieder aus Besamungen und Nachgeburtskontollen.

Freitag: Shetland Ponys, Ferkel und Nachgeburten
Heute fuhr ich wieder mit Dr. Finkensiep. Zuerst fuhren wie zu einem Hof mit mehren Shetland Ponys, welche geimpft wurden. Neben dem normalen Tagesprogramm bekam ich heute auch mal Schweine zu Gesicht. Es handelte sich um eine fiebrige Sau mit sehr jungen Ferkeln. Sie bekam eine Infusion in die Ohrvene und ich beobachtete die aufgeweckten Ferkel.

Samstag: Kalb euthanisieren, verletzer Jungbulle und Kaiserschnitt
Der Morgen begann ein wenig traurig, denn nach kurzer Untersuchung stellte Dr. Schicktanz fest, dass das Kalb leider keinen Darmausgang ausgebildet hatte und da es keine Behandlungsmethode gibt, welche dem Tier ein lebenswertes Leben ermöglichen könnte, blieb nur die Euthanasie.
Danach kam ein kleiner Notfall rein. Ein Jungbulle hatte sich vorne/links oberhalb des Karpalgelenks eine ca. 6 cm große Schnittwunde zugefügt. Diese wurde kurzerhand vernäht und versorgt.
Die Mittagstour war wieder voll mit Besamungen und Nachgeburtskontrollen, aber dann wurden wir noch zu einer Geburtshilfe gerufen. Diese stellte sich als sehr schwierig heraus, weil das Kalb einfach einen zu großen Schultergürtel hatte und nicht durch das Becken des Rindes passte.
Zu meinem Glück durfte ich nun bei noch einem Kaiserschnitt assistieren. Kuh und Kalb waren nach der OP wohl auf. Das war ein sehr schöner Moment.

Sonntag: Besamungen und Abreise
Morgens fuhren wir wieder Besamungen und schauten auch bei der Kaiserschnitt-Kuh von gestern vorbei.
Nach einem leckeren Mittagessen bei Schicktanzs war ich bereit für die Heimreise.

Fazit:
Das Schnupperpraktikum hat mir gezeigt das ich wohl mit meiner Studienwahl richtig lag. Außerdem kann ich mir nun auch viel besser vorstellen wie das Leben eines Großtierarztes wirklich abläuft, denn ich war voll ins Familienleben eingebunden. Man sollte halt nicht alles glauben was man mal irgendwo gehört hat, einfach eigene Erfahrungen sammeln! Deshalb könnte ich mir auch vorstellen selbst in ferner Zukunft auf dem Land zu arbeiten. Vor allem der Kontakt mit den Landwirten und die kleinen Autofahr-Pausen zwischen den Höfen bei denen man herrlich die Landschaft bewundern kann, reizen mich. Außerdem möchte ich mich an dieser Stelle bei den Tierärzten Dr. Finkensiep und Dr. Schicktanz und ihren Familien für die Gastfreundschaft bedanken und dafür das ich in der kurzen Zeit von nur einer Woche soviel lernen durfte.

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Praktikant:

Stefan Hohmeier