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Praktikumsberichte

Praktikum bei Dr. Büscher in Coppenbrügge, September 2007

„Coppenbrügge, wo ist das denn?!“ – war meine erste Reaktion auf den Brief mit der Adresse für mein Praktikum. Bei Hannover. Gut, lernt die Oberbayerin auch mal den flachen Norden kennen.
Und schon machte ich bei der Ankunft die erste neue Erfahrung: da oben gibt es auch Berge! Nach sieben Stunden Zugfahrt wurde ich von Dr. Büscher und seiner Frau vom Bahnhof abgeholt und nach einem sehr guten Abendessen ins Bett gesteckt.

Tag eins
Morgens um halb acht ging der Praxisbetrieb mit den Anrufen der Landwirte und Pferdebesitzer los.
Mein erster Tag in Gummistiefeln in der Gemischtpraxis Büscher (Rinder, Pferde, Schweine und Kleintiere) fing ganz harmlos mit einer Ankaufsuntersuchung an. Doch dann kam schon ein Anruf der Assistentin, dass sie eine verdrehte Gebärmutter bei einer Kuh in Geburt nicht aufgedreht bekäme. Dr. Büscher bekam es auch nicht gedreht, weil das Kalb sehr groß, die Gebärmutter nicht mehr so flexibel war und die Drehung 360° betrug. Also Kaiserschnitt. Kaum zwei Stunden dabei und schon die erste große Operation.
Ich wusste zwar theoretisch, wie das so abläuft, nur hatte ich mir keine Vorstellung davon gemacht, dass die Kuh mit dem Pressen weitermacht, auch wenn sie einen großen Schnitt an der Seite hat, und so dem Operateur ständig die Darmschlingen entgegenkommen. Auch wie schwer so ein Kalb ist, wie groß die Nadel, wie dick der Faden, von all dem hatte ich keine Ahnung gehabt. Zum Schluss sah ich dann mit Staunen dabei zu, wie zur Desinfizierung etwa fünf Liter Jodlösung zur Anwendung kamen.

Tief beeindruckt saß ich schließlich wieder im Auto, als der nächste Anruf kam und uns zu noch einer Geburt rief.
Ein Blau-Weißer-Belgier in einer Charolais in Hinterendlage. Da wurden erstmal zwei befreundete Nachbarn zu Hilfe gerufen. Unter den kundigen Händen Dr. Büschers und dem sanften aber kräftigen Zug der drei starken Helfer ging die Sache auch rückwärts gut voran. Kurz vor dem endgültigen „Flutsch“ presste die Kuh noch mal heftig, wodurch in hohem Bogen – nicht das Kalb, dafür aus dem Ausgang eine Etage höher sich dessen Inhalt über einen der beiden hilfsbereiten Nachbarn ergoss. Er tat mir furchtbar leid ( ich selbst war als Schwanzhalter außerhalb der Gefahrenzone) , und doch konnte ich mir das Lachen kaum verkneifen. Seine Freunde waren weniger zurückhaltend. Tja, wer den Schaden hat, braucht für Spott nicht zu sorgen!
Das Kalb kam dann zügig hinterher, und es dauerte nicht lange, da kümmerte die Mutterkuh sich schon hingebungsvoll um das Kleine.
Nach diesem turbulenten Auftakt ging es weniger spektakulär, aber nicht weniger interessant nach dem Mittagessen (wieder super lecker! ) mit der Kleintiersprechstunde weiter: ein lahmender Boxer, ein krampfendes Meerschweinchen und eine kleine Shi-tzu-Hündin, die eine merkwürdige Lahmheit am Hinterbein und allgemein ein schlechtes Befinden aufwies. Danach fuhr ich mit der Assistentin, Dr. Batsch, weiter. Nachdem wir bei einer misstrauischen Ponystute mit Husten gewesen waren, kamen wir zu einem Schaf, bei dem Verdacht auf Blauzunge bestand. Das Thema Blauzunge zog sich dann auch durch die ganze Woche, da zunehmend mehr Fälle auftraten. Kein Artikel in einer Zeitung kann die Problematik der Seuche so einprägsam schildern, wie es der Anblick eines zitternden, geschwächten Schafes tut, oder wie wenn ein betroffener Landwirt seine Probleme bei Auktionen schildert, sobald bekannt wird, dass er einen Blauzungenfall im Stall hatte. Schließlich, nachdem uns ein Bauer, dessen Kuh wir noch untersuchen sollten, mitteilte, dass die Patientin bei einer Umstallung das Weite gesucht hatte und wohl nicht so schnell wieder eingefangen werden könne, war mein erster Praktikumstag zu Ende.

Tag zwei
Am Dienstag wurde ein lahmendes Pferd untersucht, und eine gynäkologische Untersuchung bei einer Stute gemacht. Nachdem uns erzählt wurde, dass diese Stute gestern ihre Besitzerin wegen eines anderen Pferdes dermaßen geschubst hatte, dass sie einen gebrochen Zeh und eine große Beule am Kopf davongetragen hatte, beschloss Dr. Büscher sofort, die Stute zu sedieren. So wird der kleinen Praktikantin gleich klargemacht, dass der Großtierpraktiker auf mehr gefasst sein muss, als ein paar Kratzer oder einen Biss, wie der Kleintierarzt. Als nächstes kamen wir in einen Schweinebetrieb mit 2000 Tieren. Ein wunderschön moderner Stall, mit automatischer Fütterung und Gewichtskontrolle und großen eingestreuten Liegeflächen. Ich wurde zum ersten Mal mit Massentierhaltung und Bestandsbetreuung vertraut und erfuhr vieles über Schweinehaltung und damit auftretende Probleme, wie die Infektionsgefahr für den ganzen Bestand, sobald auch nur ein Tier erkrankt. Am Abend schließlich rief ein Schafhalter an, eines seiner Tiere wäre schwerkrank. Dr. Büscher stellte schnell fest, dass dem Schaf nicht mehr zu helfen war, und schläferte es ein. Dann musste er viele Fragen von mir zum Einschläfern und zu den zu verwendenden Mitteln über sich ergehen lassen. Er erzählte mir von den Komplikationen, die dabei auftreten können, und der großen Verantwortung sowohl gegenüber dem Tier als auch gegenüber dem Besitzer, die der Tierarzt hier trägt.

Tag drei
Am nächsten Tag waren die Pferde dran. Einmal Röntgen, Zähne machen und Hufgeschwür behandeln. Eine Haflingerstute hatte ein Eisen verloren und sich den Huf stark abgelaufen. Auf diesem Hof wurden wir von dem Hofhund fast aufgefressen, auch etwas, womit der Großtierpraktiker zu rechnen hat.
Nach dem Mittagessen war wieder Kleintiersprechstunde. Ein kleines Kätzchen wurde wegen Durchfall behandelt, eine Hündin wegen einer offenen Stelle und die Shi-Tzu-Hündin kam wieder, weil es ihr nicht besser ging.
Danach mussten in einem Schweinebetrieb einige Medikamente abgegeben werden und ich erfuhr, wie viel Schreibkram speziell im Schweinesektor für den Tierarzt zu erledigen ist, wenn jedes Arzneimittel genau dokumentiert werden muss.

Tag vier
Der Donnerstag verlief eher geruhsam. Dr. Büscher hatte mir schon im Vorfeld gesagt, dass im September nicht so viel los ist. Er behandelte einen Wallach mit einer schweren Lahmheit, die vermutlich von einer Hufrollenentzündung herrührte und wechselte den Verband bei einem Kutschpferd, das sich bei einem Unfall im Gespann an einer Mauer zwei tiefe Risse an den Beinen zugezogen hatte.
Dann wurden wir zu einer Kuh gerufen, die verkalben wolle, laut dem anrufenden Bauern. Dieser Ausspruch führte zu einer Diskussion zwischen dem niedersächsischen Tierarzt und der oberbayerischen Praktikantin über die regionalen Fachbegriffe wie „Rind“ für eine Kuh, die vor dem ersten Kalben steht, im Norden, und „Kalbin“ im Süden. Verkalbt eine Kuh im Norden, hat sie higschmissn ( = hingeworfen ) im Süden. So trägt dieses Praktikum auch zur Völkerverständigung bei...
Gegen Abend waren wir noch bei einer Muttersau, die Rotlauf hatte, und ich sah die typischen eckigen roten Flecken, die bei dieser Krankheit auftreten.

Tag fünf
Mein letzter Tag. Wir fingen schon früh an, um alle Besuche erledigen zu können. Zweimal Zähne machen, eine allgemeine Untersuchung eines Wallachs, eine Lahmheit bei einem Pferd, Blutabnahmen bei zwei Kühen für eine Auktion .
Wie immer auf den Fahrten zu den einzelnen Patienten erfuhr ich viel über die ´Fälle im speziellen, die Freuden und Probleme einer Großtierpraxis, Behandlungsmethoden bei Geburtskomplikationen, über Haltungstechniken und deren Vor-und Nachteile, und viele andere Themen.
Kurz vor dem Mittagessen wurden wir zu einer schweren Geburt gerufen. Ein riesiges Kalb steckte wohl schon länger in der Kuh fest. Mit viel Mühe und einigen Helfern gelang es, das Kalb auf natürlichem Wege zu entbinden. Die Nachgeburt kam auch und die Gebärmutter gleich mit. Noch auf der Fahrt hatte ich nach den Möglichkeiten gefragt, den Vorfall einer Gebärmutter zu beheben. Nun folgte die praktische Demonstration. Sie wurde gesäubert, in die Kuh zurückgeschoben, richtig hingelegt, gespült und die Kuh hinten zugenäht, damit der Uterus nicht gleich wieder nach draußen kommt. Das alles im Liegen, während Dr. Büscher in den Geburtswassern, Blut und Urin kniete. Auch das Alltag in der Großtierpraxis.
Etwas verspätet kamen wir dann noch zu unserem Mittagessen.
Auf der Nachmittagstour waren wir gerade auf dem Weg, um die Zähne von drei Pferden abzuschleifen, als ein Bauer anrief, und erzählte, bei einem Rind/Kalbin ginge die Geburt nicht weiter. Also kurz bei der Pferdebesitzerin den Termin verschoben und los. Das Tier war ziemlich nervös, doch mit leichtem Zug und vorsichtigen Massieren kam auch dieses Kalb gut auf die Welt. Das ist wohl mit das schönste an diesem Beruf, wenn man nach einer gelungen Geburt sieht, wie sich die Mutter um das gesunde Kalb kümmert.
Eigentlich wäre jetzt noch zwei Verbandswechsel dran gewesen, doch schon kam der nächste Anruf: wieder eine Geburt.
Eine Kuh, die festgelegen hatte und schon mit Infusionen behandelt worden war. Jetzt war vermutlich die Gebärmutter leicht angedreht und das Kalb lag schief. Ich durfte selber auch mal fühlen und konnte die Klauen ausmachen, die mit der Sohle nach oben lagen. Dr. Büscher schaffte es, das Kleine zu drehen und musste dann in mühevoller Arbeit den Kopf des Kalbes durch den Muttermund massieren. Das Zusammenspiel zwischen Zug durch die Helfer, wieder Nachlassen und Massieren brachte schließlich den Erfolg und ein Bullenkalb auf die Welt.
So endete mein Praktikum genauso aufregend wie es begonnen hatte!

Es war eine sehr interessante Woche. Ich kam nicht nur voll der neuen Eindrücke, sondern (meinem Gefühl nach) auch zwei Kilo schwerer heim, weil das Essen von Frau Büscher einfach unheimlich gut gewesen war.
Ich danke der Familie Büscher für die liebe Aufnahme in ihren Kreis, für die aufschlussreichen Gespräche und die einprägsamen Erfahrungen aus dem Alltag einer Großtierpraxis.
Außerdem danke ich dem Team von Vets4vieh, ohne die dieses Praktikum niemals stattgefunden hätte.
Und ich denke, dass ich wohl selber einmal in Gummistiefeln im Stall landen werde.

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Praktikant:

Judith Mandetzky