Pferdezucht und Zuchtmanagement

Puerperalstörungen bei der Stute: Teil II
Nachgeburtsverhaltung
Die Nachgeburt der Stute geht in der Regel innerhalb von drei Stunden post partum vollständig ab. Mit dem Abreißen der Nabelschnur bei der Geburt wird die Blutversorgung der Plazenta gestoppt. Dadurch verkleinert sich die Plazenta und löst sich, unterstützt durch die Wehentätigkeit, vom Endometrium.

Bei 2-10 % aller Fohlengeburten kommt es zu einer Nachgeburtsverhaltung. Die Ursache dafür ist bislang ungeklärt. Vermutlich spielt aber eine Störung der hormonell gesteuerten Reifung der Mikrokotyledonen dabei eine Rolle. Bei Stuten mit Nachgeburtsverhaltung konnte ein deutlich erniedrigter Serum-Kalziumwert und eine verringerte Anzahl Mastzellen im Endometrium während des Puerperiums gefunden. In der Regel bleibt die Nachgeburt im nicht graviden Uterushorn hängen.

Bei Schwergeburten u.ä. kommt es zu Entzündungen in der Gebärmutterschleimhaut. Durch die damit einhergehenden Ödeme wird die Loslösung der Mikrokotyledonen behindert und es kommt vermehrt zu Nachgeburtsverhaltungen.

Häufig kommt es bei Nachgeburtsverhaltung zu einer bakteriellen Kontamination, die frühzeitig behandelt werden sollte, um ein explosionsartiges Vermehren der Bakterien und die Autolyse des Gewebes zu verhindern. Außerdem sollte die Nachgeburt oberhalb des Sprunggelenkes verknotet werden, damit die Stute nicht drauftritt.

Entwickelt sich daraus eine Metritis, kann es durch das Eindringen der Keime in den Blutkreislauf zu einer Septikämie, einem endotoxämischen Schock oder zur Laminitis kommen. Das vollständige Abgehen der Nachgeburt sollte daher stets sorgfältig kontrolliert werden.

Die manuelle Abnahme der Nachgeburt ist bei der Stute nicht zu empfehlen, da die Gefahr besteht, dass die Nachgeburt reißt und Reste im Uterus verbleiben. Das nekrotisierende Gewebe bietet dann ein ideales Medium für Infektionen. Zusätzlich kann es durch unangebrachten Zug zur Einstülpung des Uterushornes oder gar zum Uterusprolaps kommen (siehe Teil I).

Selbst wenn die Nachgeburt vollständig entfernt werden konnte, sind Verletzungen der Gebärmutterschleimhaut möglich, die Entzündungen und Infektionen nach sich ziehen können. Ist die Nachgeburt allerdings trotz antibiotischer Behandlung nach mehreren Tagen immer noch nicht abgegangen, kann ein leichter Zug an der mittlerweile autolytisch zersetzten Nachgeburt erfolgreich sein.

Nach einer Schwergeburt oder auch schon nach einem leichten Auszug wird zur Prophylaxe von Nachgeburtsverhalten folgendes empfohlen:
  • Oxytocin (10 –20 i.u.)
  • Dehnen der fötalen Membranen mittels Infusion

Zum Dehnen werden unmittelbar nach dem Auszug 12 –15 l handwarme Flüssigkeit (sterile Kochsalzlösung oder Wasser) mit einer Nasenschlundsonde in die Chorioallantois infundiert. Durch die Dehnung der endometrialen Krypten und einer endogenen Oxytocinausschüttung kommt es dann zu einer Austreibung der Nachgeburt.

In einfachen Fällen ist meistens die Gabe von Oxytocin (10 –20 i.u.) alle 2 Stunden als Therapie ausreichend. Es empfiehlt sich, mit einer niedrigen Dosis anzufangen, da manche Stuten mit heftigen Koliksymptomen reagieren können. Die Sensibilität der Stute auf Oxytocin nimmt nach der Geburt aber stetig ab, sodass die Dosis entsprechend erhöht werden kann.
Außerdem sollte der Kalziumspiegel regelmäßig kontrolliert und evtl. reguliert werden.

Ist die Nachgeburt nach 6-8 Stunden nicht abgegangen, ist eine systemische Behandlung mit einem Breitbandantibiotikum angezeigt. Das gilt auch bei einem nur unvollständigem Abgang der Nachgeburt.

Bei Stuten, bei denen post partum Fieber, Inappetenz oder Anzeichen von Hufrehe zu beobachten sind, liegt der Verdacht von im Uterus verbliebenen Nachgeburtsresten nahe.
Eine intensive Therapie ist angezeigt mit
  • Breitspektrumantibiose
  • NSAID
  • Tetanusprophylaxe
  • Evtl. Infusionen
  • Uterusspülungen mit steriler Kochsalzlösung oder einer schwachen desinfizierenden Lösung
Bei der Uterusspülung ist Vorsicht angezeigt, da es dabei sehr leicht zur Perforation der Uteruswand kommen kann. Eine Spülung sollte solange durchgeführt werden, bis die austretende Flüssigkeit klar ist.

Ebenfalls umstritten ist auch die intrauterine Antibiose bei der Stute. Diskutiert wird hier eine Hemmung des Immunsystems und eine Irritation des Endometriums durch die Medikamente.
Bei einer intrauterinen Antibiotikaapplikation sollte das Medikament in viel Flüssigkeit (2-3l) aufgelöst werden, um eine ausreichende Verteilung zu garantieren. Zu den empfohlen Wirkstoffen gehören
  • Amikazin
  • Polymixin B
  • Ampicillin
  • Oxytetracyclin
  • Gentamicin


Septische Metritis
Bleiben Reste der Nachgeburt im Uterus zurück, entwickelt sich schnell eine septische Metritis. Die Stute wird apathisch, hat erhöhte Körpertemperatur, erhöhte Herzfrequenz und stark gefüllte Kapillaren. Häufig entwickeln die Stuten aufgrund der Endotoxinausschüttung eine Hufrehe. Die Milchproduktion geht zurück. Der Uterus ist schlaff, dünnwandig und mit einer großen Menge Flüssigkeit gefüllt. Vaginaler Ausfluss ist jedoch nicht immer vorhanden.

Therapie

  • Tägliche Uterusspülungen mit steriler Kochsalzlösung oder Wasser. Die Spülung sollte so lange erfolgen, bis klare Flüssigkeit zurückgewonnen wird. Der Rückstand sollte auf Gewebeteile und Nachgeburtsreste untersucht werden.
  • Systemische Breitbandantibiose (Penicillin und Gentamicin). Gentamicin ist insbesondere für die Bekämpfung coliformer Keime notwendig, die bei der Endotoxinbildung und der Laminitis ein große Rolle spielen.
  • Flunixin meglumine (z.B. Resprixin® ) als Entzündungshemmer und Schmerzmittel
  • Zur Behandlung der Laminitis eignen sich Heparin, Vasodilatoren und Phenylbutazon (2-4 mg/kgKGW). Tiefe, weiche Einstreu und eine Erhöhung unter dem Kronbein bringen zusätzliche Entlastung.
  • Oxytocin und leichte Bewegung fördern die Involution des Uterus.


Vulva Hämatome
Hämatome in der Scheidenwand und den Schamlippen sind nach Geburten weit verbreitet. Die meisten verheilen ohne Komplikationen. Eine Diät mit Weizenkleie und Öl wirkt dabei unterstützend. Um einer evtl. Infektion vorzubeugen, ist die Verabreichung eines Breitbandantibiotikums angezeigt. Auch das Durchführen einer Tetanusprophylaxe empfiehlt sich.
Hat sich das Hämatom nach 7-10 Tagen nicht organisiert, kann eine Drainage gelegt werden.
Differentialdiagnostisch ist eine vorgelagerte oder vorgefallene Blase auszuschließen.

Rektovaginale Fisteln und Damm-Verletzungen
Bei Geburten von sehr großen Fohlen oder bei Schwergeburten kommt es regelmäßig zu Verletzungen der Perianalgegend. Verletzungen ersten (Vestibulum und Scheidenschleimhaut) und zweiten Grades (tiefe Gewebe und Dammrisse) können sofort oder nach entsprechender Granulation des Wundgewebes chirurgisch versorgt werden.
Auf jeden Fall ist eine Antibiose, die Gabe eines nicht steroidalen Entzündungshemmers (NSAID) und eine Tetanusprophylaxe angezeigt. Eine Diät mit Weizenkleie und Öl vermindern zusätzlich den Druck beim Kotabsatz.

Durch Haltungsfehler des Fohlens im Geburtskanal und starkes Pressen der Stute kann ein Vorderhuf des Fohlens das Scheidendach durchstoßen. Gelingt es, den Huf zurück zu ziehen, kann dennoch eine rektovaginale Fistel entstehen. Andernfalls werden der gesamte Perianalbereich und der Sphinkter ani zerstört (Verletzungen dritten Grades). Eine Scheidenplastik sollte nicht eher als 4 –6 Wochen nach der Geburt durchgeführt werden.

Scheidenverletzungen
Bei primiparen Stuten und Schwergeburten mit unsachgemäßem Auszug kommt es häufig zu Scheidenverletzungen. Glücklicherweise liegen diese meist retroperitoneal. Sie können aber trotzdem zu gefährlichen Vaginitiden, Fibrosen oder Abzessen führen.
Die Blutungen sind entsprechend zu versorgt. Außerdem sollte auch hier eine Tetanusprophylaxe durchgeführt und ein Antibiotikum sowie ein NSAID gegeben werden.

Hernien
Hernien im Bauchraum stellen ein großes Problem dar, da dann Darmteile vorfallen können. In diesem Fall müssen die vorgefallenen Organe gründlich gereinigt und die Hernie chirurgisch verschlossen werden. Zwar kommt es meist nicht zu einer Primärheilung, aber ein erneuter Vorfall wird verhindert und die Hernie kann sekundär ausheilen.

Ein Niederlegen der Stute sollte für einige Tage verhindert werden, da dabei der intraabdominale Druck erhöht wird und es zu einem Rückfall kommen kann. Kolikerscheinung deuten auf eine erneute Darmverlagerung hin.Eine Peritonitis kann durch Entnahme von Peritonealflüssigkeit diagnostiziert werden (siehe Teil 1).

Puerparalstörungen mit Beteiligung der Blase
Durch ihre enge Verbindung zum Genitaltrakt ist die Blase auch von Problemen im Puerperium betroffen. Es kann zu
  • Blasenvorfall,
  • Blasenausstülpung oder
  • Blasenrupturen
kommen.
Bei penetrierenden Verletzung der Scheidenwand kann die Blase in die Scheide vorfallen. Durch die sich mit Urin füllende, ausdehnende Blase wird die Scheidenhernie schnell größer.
Therapie
Die Blase sollte am sedierten und epidural anästhesierten Pferd (Ausschalten der Bauchpresse)gereinigt und vorsichtig zurück in die Bauchhöhle zurück gedrückt werden. Die Scheidenwandhernie sollte chirurgisch versorgt werden.

Auch durch den großlumigen Harnleiter kann die Blase durch starkes Pressen vorgestülpt werden. Die Blasenschleimhaut tritt dabei aus der Scheide und Urin tropft ab.
Oft kann die Blase unter einer Epiduralanästhesie reponiert werden. Eine Blasenspülung verhindert Entzündungen und hilft bei der vollständigen Reposition der Blase.

Gelegentlich kommt es durch den hohen intraabdominalen Druck während der Geburt zu Blasenrupturen. Klinische Symptome treten erst verzögert auf. Die Stuten werden apathisch und urinieren nicht. Im Blutserum finden sich erhöhte Kalium- und erniedrigte Natrium- und Chloridwerte. In der Perinealflüssigkeit sind erhöhte Harnstoff- und Kreatinwerte messbar.
Eine chirurgische Versorgung des Risses ist notwendig.

Puerperalstörungen mit Beteiligung der Darms
Durch die starke Bauchpresse kann es zum Vorfall von Darmteilen kommen:
Typ 1: Rektumschleimhaut tritt aus dem Sphinkter ani hervor
Typ 2: die gesamte Ampulle tritt aus dem Sphinkter ani hervor
Typ 3: das gesamte Rektum fällt vor, mit Einstülpungen des peritonealen Rektum bzw. Colon
Typ 4: ganze Darmteile von mehreren Metern treten ausgestülpt aus dem Sphinkter ani heraus

Die Therapie von Typ 1–3 konzentriert sich auf die Verminderung der Bauchpresse, z.B. durch epidurale Anästhesie, um die vorgefallenen Organe möglichst schnell reponieren zu können. Komplikationen treten durch Durchblutungsstörungen und Verletzungen der Darmteile auf. Evtl. ist eine Tabaksbeutelnaht der Scham angezeigt, um ein Rezidiv zu verhindern. Diätetische Maßnahmen zur Koterweichung entlasten hier das Rektum.

Typ 4-Vorfälle haben eine schlechte Prognose und sind nur chirurgisch zu therapieren.

Weitere post partale Gesundheitsstörung können durch trächtigkeits- und geburtsbedingte innere Verletzungen des Darms auftreten. Quetschungen, Einstülpungen, Drehungen und Risse von Darmteilen führen mehr oder weniger schnell zum Tod der Stute.

Milchfieber
Ein bei Pferden sehr selten auftretendes Problem ist das Milchfieber. Es wird vor allem bei Kaltblütern mit hoher Milchleistung beschrieben. Symptome sind ähnlich wie bei Tetanus Unruhe, Zittern und klonische, zunehmend tonische Krämpfe.
Als Therapie eignet eine Kalzium–Glukose Infusion.



Links / Literatur
Lit.: Frazer, G. S: Post partum complications in the mare. Part 2: Fetal membrane retention and conditions of the gastroinstestinal tract, bladder and vagina. Equine Vet. Educ. (2003) 15 (2) 91-100
Quiz bei Wer wird Veterinär
Fruchtbarkeitszyklus und Puerperalstörungen bei der Stute
Monatsthemen bei Vetion.de

Bearbeitet von:
Dr. Carola Fischer-Tenhagen
Tierärztin, Tiertherapeutin und freie Mitarbeiterin bei Vetion.de
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