26.06.2019: Nützlinge anstelle von Pestiziden - Zukunftsdialog Agrar und Ernährung in Berlin


Impressionen vom 6. Zukunftsdialog Agrar und Ernährung in Berlin


Impressionen vom 6. Zukunftsdialog Agrar und Ernährung in Berlin

„Wir müssen reden“, so eröffnete Angela Werner, Chefredakteurin der „agrarzeitung“, den 6. Zukunftsdialog Agrar und Ernährung in Berlin. Hauptthemen waren der Rückgang der Biodiversität, insbesondere das Insektensterben, und die ambivalente Rolle der Landwirtschaft als Schuldträger und Schützer.

Diese jährlich gemeinsam von den Medien Die Zeit und agrarzeitung veranstaltete Fachdiskussion zog am 4. Juni 2019 Vertreter aus Politik, Wissenschaft, Landwirtschaft, Industrie und Natur- und Umweltschutz in die Bolle Festsäle der Hauptstadt. Vielfältige Ideen zur Unterstützung von Landwirten und Umwelt wurden gleichermaßen diskutiert, unter anderem: die finanzielle Förderung von nachhaltiger Landwirtschaft, einem wünschenswerten Sinneswandel der Verbraucher, die Etablierung von wirtschaftlichen und praxistauglichen Ackerbaustrategien zur Reduzierung des Pestizideinsatzes, integrierter Pflanzenschutz sowie die Technologisierung der Landwirtschaft.

AGRARWANDEL

„Viele Landwirte sagen mir: Ich habe keine Lust mehr, ich kann die Anforderungen nicht erfüllen“, so Werner. Als Ursachen wurden die schlechten wirtschaftlichen Bedingungen und ein zu enges, nicht immer sinnvolles, gesetzliches Korsett, in dem die täglichen Arbeiten erledigt werden müssen, ausgemacht. Viele gehen deshalb neue Wege zur Sicherung der Existenz: Direktvermarktung oder Investition in regenerative Energien.

Diese Beispiele wurden auf dem Podium bedient. Johanna Buntz, Bio-Legehennenhalterin aus Süddeutschland, machte in einem emotionalen Statement das Spannungsfeld klar, in dem sich Landwirte heutzutage befinden: Buntz habe früher nie Landwirtin werden wollen und in der Schule über die elterliche Schweinemast geschwiegen, um sich nicht rechtfertigen zu müssen. Nun hat sie „1,5 Millionen Euro für eine Landwirtschaft in die Hand genommen“, die sie vertreten kann. „Jetzt sind Sie als Verbraucher gefragt, welche Landwirtschaft sie unterstützen wollen.“

Zudem könne es nicht sein, dass sie sich nach der Politik anstelle des Wetters zu richten habe, wenn sie aufs Feld fahren will.

Geiz-ist-Geil-Mentalität der deutschen Bürger

Ursula Heinen-Esser, Ministerin für Landwirtschaft, Natur- und Verbraucherschutz des Landes Nordrhein-Westfalen, stimmte ein mit: „Die Düngeverordnung ist ein gemeinschaftliches Politik- und Lobbyversagen seit 2013.“ Es könne zudem nicht sein, dass man „alle drei Jahre neue Anforderungen an die Tierhaltung aufstellt, die Tierhalter umbauen und es dann schon nicht mehr reicht“, wenn der Umbau abgeschlossen ist: „So gehen wir derzeit mit unseren Landwirten um!“

Sie sprach sich dafür aus, dass auch kleine und mittelgroße Höfe, rentabel wirtschaften können sollen. Das könne aber mit der derzeitigen Geiz-ist-Geil-Mentalität der deutschen Bürger nicht funktionieren. „Der Verbraucher wird das nicht honorieren, das können wir uns abschminken!“

Wir sitzen mit dem 40-Cent-Steak vor unserem 600-Euro-Grill

Nur 10 Prozent seines Einkommens gibt der deutsche Verbraucher für Lebensmittel aus, sagt Buchautor Andreas Möller („Zwischen Bullerbü und Tierfabrik. Warum wir einen anderen Blick auf die Landwirtschaft brauchen“) in der Diskussion mit Autor Philipp Unterweger („Echte Bauern retten die Welt!“) über die Notwendigkeit der Technologisierung in der Landwirtschaft.

Möller fasst es so zusammen: „Wir sitzen mit dem 40-Cent-Steak vor unserem 600-Euro-Grill und empfinden das als richtig.“

POLITIK GEFRAGT

Ein Konsens war die dringend notwendige Reform der Gemeinsamen Agrarpolitik der Europäischen Union (GAP). In der aktuellen Form überwiege die Größe der bewirtschafteten Fläche gegenüber der Nachhaltigkeit des Bewirtschaftungskonzeptes. Das müsse sich ändern. Auch werde in der EU-Politik zu sehr mit dem Maßband agiert, so Prof. Josef Settele, Agrarwissenschaftler am Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ) in Halle.

Martin Häusling, Mitglied des Europäischen Parlamentes, sagte dazu: „Es wurde viel Geld rausgeworfen, aber niemand ist zufrieden – weder Verbraucher, noch Landwirte oder Umweltschützer“, und weiter, „aus Deutschland kam lange Zeit kein Impuls, alle Umweltprobleme wurden konsequent geleugnet.“

ARTENSCHUTZ ALS WICHTIGSTE AUFGABE

„Unsere Äcker sollen wieder insektenfreundlicher werden“, sagt Svenja Schulze, Bundesministerin für Umwelt, Naturschutz und Nukleare Sicherheit, „denn ohne Bestäuber wird die Landwirtschaft vor ganz neue Herausforderungen gestellt.“

Natur- und Umweltschutz sollen daher mit öffentlichen Geldern belohnt, Pestizideinsatz und Überdüngung reduziert werden. Sie hält die GAP-Reform für eine zentrale Aufgabe. Mehr als die Hälfte der Fläche in Deutschland wird landwirtschaftlich genutzt. „Damit ist die Landwirtschaft der größte Umweltschützer, den wir haben“, sagt Moderator und Journalist Dirk Steffens und appelliert an die Politik: „Umweltschutz wird zum Selbstläufer, wenn sich mit umweltfreundlichen Produkten mehr Geld verdienen lässt als mit umweltschädlichen.“ Er ist WWF-Botschafter und setzt sich für den Erhalt der Biodiversität ein, „deren Schwund uns noch früher auf die Füße fallen wird als der Klimawandel“.

Steffens plädiert dafür, dass es konkrete Ziele geben muss, der Landwirt vor Ort aber selbst entscheidet, wie er da hinkommt, schließlich „kennt er seinen Hof und seine Umgebung am besten.“

Nützlinge fördern

Ein Leuchtturm-Projekt, das unter anderem von Schulzes Ministerium gefördert wird, ist „F.R.A.N.Z.“. Die Initiative testet auf zehn Demobetrieben in Deutschland praxistaugliche und wirtschaftliche Naturschutzmaßnahmen in der Landwirtschaft. Dazu gehören mehrjährige Blühstreifen, Feldvogelinseln und der Anbau von Extensivgetreiden mit blühenden Untersaaten, in denen nicht gespritzt oder gedüngt wird.

Jochen Hartmann nimmt mit seinem Betrieb daran teil und ist begeistert: „Ich möchte Pestizide nicht mehr brauchen, dafür muss ich Nützlinge fördern.“ Er hat das Gefühl, dass sich immer mehr Landwirte dafür interessieren: „Da bewegt sich gerade ganz viel.“

TECHNOLOGISIERUNG

Ein weiteres großes Thema auf dem Zukunftsdialog in Berlin war die Automatisierung im Ackerbau, welche laut Prof. Cornelia Weltzien vom Leibniz-Institut für Agrartechnik und Bioökonomie in Potsdam, bereits weit fortgeschritten ist: „Es gibt fast keinen Traktor mehr, der ohne GPS auf dem Feld unterwegs ist.“

Sie beschäftigt sich mit klonalen Minirobotern, die auf dem Feld viele Saaten gleichzeitig aufs Feld bringen beziehungsweise zielgerichtet düngen können und damit die Biodiversität steigern. „Solche Systeme brauchen jedoch sehr gut bearbeitete Böden und rentabel sind sie derzeit auch noch nicht – das sollte uns aber nicht vom Weiterdenken abhalten.“

Jörg-Andreas Krüger vom WWF sieht in der Technologisierung der Landwirtschaft eine Entlastung für die Mitarbeiter und eine Attraktivitätssteigerung der Arbeitsplätze in der Landwirtschaft. Weltzien gab zu bedenken: „Technik allein kann keine Probleme lösen, die Ziele müssen wir uns schon selbst ausdenken.“

Digitalisierung könne helfen, präziser zu arbeiten und den Aufwand zu reduzieren, war die Meinung des Podiums. Carina Konrad, stellvertretende Vorsitzende des Ausschusses für Ernährung und Landwirtschaft der FDP, sprach zudem die Forschung zu trockenresistenten Pflanzen an und dass der „Methodenbaukasten, der uns zur Verfügung steht, durch politische Entscheide immer kleiner“ werde. Diesen müsse man aber vollumfänglich nutzen können, „damit wir nicht in ein Agrarzeitalter zurückkommen, das wir schon längst hinter uns gelassen haben.“

AM ZIEL VORBEI

„Miteinander reden, denn es geht nur gemeinsam“ war das erklärte Ziel der Veranstaltung. Die Zuhörer sahen den Erfolg dessen zum Teil kritisch: „Das wird zelebriert und dann geht jeder nach Hause und der Dialog versiegt wieder“, sagte Bernhard Krüsken, Generalsekretär des Deutschen Bauernverbandes.

Ein weiteres Problem war die Fülle der Redebeiträge, aufgrund dessen die Zeit fehlte, einzelne Gedanken tiefergehender zu beleuchten. Dies wurde in zugangsbeschränkten Workshops zu Themen wie „Reformation der Agrarpolitik“ (NABU), „Biozyklisch Veganer Anbau“ (Albert-Schweitzer-Stiftung), „Nachhaltiger Anbau“ (WWF), „Artenvielfalt retten jetzt“ (BASF) am Vortag versucht. Am Tag der Veranstaltung selbst war die Publikumsbeteiligung marginal, da diese nur über eine schlecht genutzte Onlineplattform möglich war.

Leider bekamen die Menschen, über die am meisten gesprochen wurde, selbst den geringsten Redeanteil auf dem Podium: Christian Bethmann, Landwirt aus Brandenburg und Matthias Kehl, Landwirt aus Niedersachsen, waren Besucher der Zukunftstage und das nicht zum ersten Mal. Ihre Meinung: „In der Podiumsdiskussion mit den Landwirten kam wirklich Content, aber leider viel zu kurz.“

Die Veranstaltung wurde unterstützt von der Landwirtschaftlichen Rentenbank, dem WWF, Corteva agriscience und BASF.

Fazit: Bleibt die Frage, ob mit der Veranstaltung die erreicht wurden, die das Podium zum Handeln verpflichtet hatte: zuständige Politiker, unwissende Verbraucher und verantwortliche Landwirte. Diese Gruppen waren Mangelware unter dem gut 500 Personen umfassenden Fachpublikum.

Links / Literatur

Erstellt von:
Sophia Neukirchner
Tierärztin und Doktorandin an der Tierklinik für Fortpflanzung des Fachbereichs Veterinärmedizin der Freien Universität Berlin sowie Freie Mitarbeiterin bei Vetion.de.
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