11.05.2017: Borna-Viren als unerkannte Gefahr


Prof. Hanns Ludwig forscht seit fast 50 Jahren am Borna-Virus bei Mensch und Tier


Die Bornasche Krankheit ist vor allem beim Pferd beschrieben und geht einher mit Somnolenz, Fressunlust und Bewegungsstörungen


Das Borna-Virus gehört zu den RNA-Viren und persistiert viele Monate bis Jahre in den Nervenzellen ehe es etwa durch Stress aktiviert wird

Borna-Viren sind zwar als Krankheitserreger beim Pferd und teilweise bei Schafen Tierärzten seit langem bekannt, dass sie scheinbar an schweren Depressionen beim Menschen beteiligt sind, ist vielen Ärzten und Psychiatern jedoch immer noch nicht bewusst. Prof. Hanns Ludwig forscht seit fast 50 Jahren an Borna-Viren bei Mensch und Tier und stellte seine aktuellsten Ergebnisse am Mittwoch, 10. Mai, in Berlin vor.

Bei Pferden konnten Borna-Viren endemisch nachgewiesen werden und können durch nicht- eitrige Entzündungen im Gehirn Somnolenz, Apathie, Fressunlust, Gangunsicherheit sowie Zwangsbewegungen verursachen. Ob es sich bei dem Virus jedoch um einen unterschätzen Zoonoseerreger handelt, der Menschen durch selbigen Mechanismus Stimmungsschwankungen, Antriebslosigkeit und eben auch Depressionen, mit eventuell einhergehenden Suizidgedanken, auslöst, wird derzeit diskutiert. Viele Zusammenhänge sind hier noch unklar und geforscht wird wenig. Dennoch sollten auch praktische Tierärzte diese Viren sowie andere Zoonoseerreger wie Borrelien und Bartonellen im Hinterkopf haben, wenn Patientenbesitzer unabhängig von einer Erkrankung ihres Tieres über depressive Symptome klagen.

Jedes zweite Pferd und jeder dritte Mensch sind infiziert

Die Bornasche Krankheit (BDV) bekam nach einer Epidemie unter Pferden in der Leipziger Region Ende des vorletzten Jahrhunderts ihren Namen und ist meldepflichtig. In der Pferdepopulation in Deutschland spricht man heutzutage von einem Durchseuchungsgrad von 60 Prozent. Durch Stress wie Umstallung und Trächtigkeit, aber auch Schwächung des Immunsystems durch andere Erkrankungen oder Impfungen, wird das Virus aktiviert – nach einer Inkubationszeit von Monaten bis Jahren. Etwa 10 Prozent aller Pferde hierzulande leidet immer wieder an Krankheitsschüben, etwa 100 Pferde sterben jährlich daran (2010). Die Übertragungswege sind noch nicht vollständig erschlossen, wahrscheinlich ist die Weitergabe des Virus über Nasensekret in den Bulbus olflactorius und Vektoren, ebenso die intrauterine.

Dass Borna-Viren von einem infizierten Pferd auf den Menschen übertragen werden und den Symptomkomplex auslösen, hält Prof. Hanns Ludwig bei bisherigem Wissensstand für unwahrscheinlich. Der Tierarzt und emeritierter Professor aus Berlin forscht seit 1968 an den Borna-Viren, zunächst am tierischen Patienten, später auch am Menschen. Er war Gründer und bis zu seinem Ruhestand Leiter des Instituts für Virologie des Fachbereichs Veterinärmedizin an der Freien Universität Berlin. Nach der Beendigung seiner Lehrtätigkeit an der Universität 2006, setzt der 79-Jährige seine Forschung nun in China fort.

Eine unerkannte Zoonose?

Das Virus wird vor allem im Gehirn und Blut durch ELISA-Tests und RT-PCR nachgewiesen, über Antigen beziehungsweise den Nachweis von zirkulierenden Borna-Virus-spezifischen Immunkomplexen (sogenannten „CICs“) aus viralem Protein und Antikörpern, wobei ein hoher Bluttiter keine schwere Erkrankung bedingen muss. Da beim bisherigen Virus-Nachweis keine Aussage zur Herkunft des Virus (humane oder equine Variante) gemacht werden kann, weil sich beide Virusvarianten zu 95 Prozent gleichen, schließt Prof. Ludwig eine Übertragung bei sehr engem Kontakt mit den Nüstern des Tieres nicht gänzlich aus: „Wenn das Virus bei experimenteller Übertragung jeden Warmblüter infizieren kann, warum dann nicht auch den Mensch?“, weitere Forschung müsste dazu betrieben werden.

Er macht jedoch auf eine andere, bisher wenig beachtete Problematik aufmerksam: Humane Borna-Viren stehen im Verdacht, Depressionen beim Menschen auszulösen. Er sagt, jeder Dritte in der europäischen Bevölkerung sei infiziert. Da das RNA-Virus jedoch ein persistierender Erreger ist, kommt es nicht in jedem Fall zur Erkrankung. Wie beim Pferd wird das in den Nervenzellen ruhende Virus erst bei Stress oder Immunsupression aktiviert. Dann beginnt es sich zu replizieren und löst eine lymphatische Enzephalitis mit Anhäufung von Immunzellen im limbischen System aus: „Das Borna-Virus sitzt also genau da, wo unsere Gefühle gemacht werden.“

Borna-Viren als Auslöser von Depressionen

Damit bestehe für Prof. Ludwig ein offensichtlicher Zusammenhang zwischen einer aktivierten Borna-Virus-Infektion und neuropsychatrischen Erkrankungen. Diese Theorie stößt in Fachkreisen jedoch nicht nur auf Unterstützer. Eine über zehn Jahre agierende Forschungsgruppe am Robert-Koch-Institut um Dr. Liv Bode, die sich mit dem Borna-Virus als Zoonoseerreger und Verursacher von neuropsychatrischen Störungen beim Menschen befasste, wurde 2005 aufgelöst, da man den Nachweis von Borna-Viren beim menschlichen Patienten nicht zweifelsfrei garantieren konnte. Diese schlechte Nachweisbarkeit erschwere laut Prof. Ludwig die Borna-Virus- Forschung im Allgemeinen. Zudem tritt das Virus häufig als Mischinfektion auf, etwa mit Borrelien oder Bartonellen, die ihrerseits ebenso Auslöser von depressiven Erkrankungen sein können. Ob das Borna-Virus also ein alleiniger Verursacher neuropsychatrischer Erkrankungen ist oder durch die immunsupressive Wirkung etwa der Borrelien erst in Erscheinung tritt, ist derzeit ungeklärt: „Wir können nicht behaupten, dass das Borna-Virus Depressionen auslöst, aber es ist in 50 Prozent der Fälle involviert“, sagt Prof. Ludwig. Das beträfe allein in Europa 15 Millionen Menschen.

Fest steht, dass Borna-Virus-infizierte Patienten mit affektiven Störungen beschrieben sind, deren Symptome sich unter einer Behandlung von Amantadin verbesserten. Amantadin wurde ursprünglich als Medikament zur Behandlung von Influenza eingesetzt, wirkt zudem effektiv antiviral gegen Borna-Viren, bei Tier und Mensch – selbst in einem schweren Stadium der Symptome.

Prof. Hanns Ludwig spricht von einem fehlenden Bewusstsein für Borna-Viren sowohl in der veterinären als auch in der humanen Medizin; die scheinbar einfache Behandlungsmöglichkeit mit Amantadin würde zu wenig genutzt. Er ist sich sicher: „Es bedarf noch weitreichender Forschung auf diesem Gebiet.“

Prof. Hanns Ludwig sprach über das Thema „Diagnose und Therapie von Borna-Virus- Aktivierung bei Mensch und Tier“ im Rahmen einer infektiologischen Fortbildungsveranstaltung am 10. Mai 2017. Ausgerichtet wurde der Vortrag vom DEDIMED Labor für integrative Medizin in Berlin. Diese Einrichtung hat sich spezialisiert auf die Diagnostik und Therapie chronischer Infektionserkrankungen. Bisher war ein Schwerpunkt ihrer Arbeit die chronische Borreliose, ab Herbst soll die Borna-Virus- Diagnostik hinzukommen.

Links / Literatur

Bearbeitet von:
Sophia Neukirchner
Studierende der Veterinärmedizin an der Universität Leipzig
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